Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland

Biografien

In Freiburg bildete sich 1962 um Wolfgang Auchter eine psychoanalytische Arbeitsgruppe, aus der in Zusammenarbeit mit Johannes Cremerius 1974 ebenfalls eine offizielle Ausbildungsstätte der DPV entstand, das Psychoanalytische Seminar Freiburg. Ein Institut der DPV wurde 1967 auch an der Ulmer Universität gegründet und stand bis 1990 unter der Leitung von Hans Thomä.
1955 formierte sich die Hamburger Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft der DPV mit Ulrich Ehebald und Wolf Grodzicki als Lehranalytiker. Als sich der DPV-Vorsitzende Gerhart Scheunert in Hamburg niederließ, wurde die Arbeitsgemeinschaft 1960 in Hamburger Psychoanalytisches Institut umbenannt, das 1974 im Michael-Balint-Institut aufging. Eine weitere Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft der DPV entstand Anfang der 1970er Jahre in Köln-Düsseldorf um Edeltraud Meistermann-Seeger, die Mitherausgeberin des seit 1960 erscheinenden DPV-Organs Jahrbuchs der Psychoanalyse. Horst Eberhard Richter, DPV-Mitglied und bis dahin Leiter des BPI, folgte 1962 einem Ruf nach Gießen und baute dort ein psychoanalytisches Institut auf, wo zu Beginn der 1970er Jahre kritische Reformideen der Studentenbewegung aufgegriffen wurden. (Siehe auch Institute der DPV)
Ausbildungsstätten der DPG neben ihrer Arbeitsgruppe am IfP in Berlin - aus der 2000 das Psychoanalytische Institut Berlin (PaIB) hervorging - entstanden unter anderem in Göttingen und in Hannover. Von Göttingen aus leitete Werner Schwidder zwischen 1959 und 1970 die DPG, er war 1954 Mitgründer des Göttinger Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie, das 1994 in Lou Andreas-Salomé-Institut umbenannt wurde. In Hannover gründete Hans Alfken 1951 nach dem Vorbild der Londoner Tavistock-Klinik das Psychotherapeutische Institut mit Erziehungsberatungsstelle für das Land Niedersachsen (Child Guidance Clinic), das später mehrfach seinen Namen wechselte. Hier wirkten Ina Böhlendorf und Ilsabe von Viebahn, die sich beide maßgeblich am Aufbau des 1965 eröffneten Lehrinstituts für Psychoanalyse und Psychotherapie in Hannover beteiligten. (Siehe auch Institute der DPG).

Sigmund-Freud-Institut

Ein von der Kollaboration mit den Machthabern der NS-Zeit unbelasteter Neubeginn der deutschen Psychoanalyse nach 1945 ist vor allem mit den Namen Alexander Mitscherlichs und seiner Frau Margarete Mitscherlich-Nielsen, den Autoren des Buchs Die Unfähigkeit zu trauern, verbunden. Mitscherlich rief gemeinsam mit Schottlaender 1947 die Zeitschrift Psyche ins Leben. 1949 gründete er die psychoanalytisch orientierte Psychosomatische Klinik in Heidelberg, und 1960 wurde Mitscherlich - nachdem er der DPV beigetreten war - Leiter des im gleichen Jahr eröffneten Instituts und Ausbildungszentrums für Psychoanalyse und Psychosomatik in Frankfurt, das seit 1964 Sigmund-Freud-Institut (SFI) heißt.
Dieses Institut, das mit Namen wie Tobias Brocher, Clemens de Boor, Hermann Argelander, Alfred Lorenzer, Klaus Horn und Helmut Dahmer verbunden ist, stand durch seine Nähe zu dem wieder errichteten, von Horkheimer und Adorno geführten Frankfurter Institut für Sozialforschung für eine gesellschaftskritische und kulturtheoretische Forschungsrichtung. Das SFI war das größte Ausbildungsinstitut der DPV, bis es 1995 in ein reines Forschungsinstitut umgewandelt wurde. Die Ausbildung findet seitdem in dem 1995 aus einer Arbeitsgruppe niedergelassener Analytiker der DPV entstandenen Frankfurter Psychoanalytischen Institut (FPI) statt.

Entwicklung nach 1968

Auf dem Hintergrund des sich verändernden politischen und kulturellen Klimas zur Zeit der 68er Studentenbewegung nahm das Interesse an der Psychoanalyse deutlich zu. Die studentische Linke interessierte sich besonders für die freudomarxistischen Klassiker Wilhelm Reich, Erich Fromm, Ernst Simmel und Siegfried Bernfeld. Es gelang der Psychoanalyse aber nicht, nachhaltig an deutschen Universitäten Fuß zu fassen. Eine Ausnahme bildet das Institut für Psychoanalyse am Fachbereich Psychologie der Frankfurter Goethe-Universität, das 1972 im Gefolge der Studentenbewegung aus einem Lehrstuhl Mitscherlichs entstand und seit 1987 von Christa Rohde-Dachser geleitet wird. Der Bedeutungszuwachs, den die Psychoanalyse in den 1980er Jahren durch die Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan erfuhr, berührte die psychoanalytische Praxis in Deutschland wenig. Die Lacan-Rezeption beschränkte sich vor allem auf philosophische und literaturwissenschaftliche Kreise.
Besser stand es mit der Verankerung der Psychoanalyse als Heilmethode: Sie war nach dem Krieg die erste Psychotherapie, die 1967 dank der Studien von Annemarie Dührssen von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt wurde. Mit der Medizinalisierung und der Orientierung am Berufsbild des Facharztes droht jedoch das kulturkritische Potential der Freudschen Lehre in Vergessenheit zu geraten. Dass sich die Selbst- und Narzissmustheorie Heinz Kohuts, die sich auf die inneren Prozesse des Individuums konzentriert, als dominierende Lehrmeinung etablieren konnte, hat Kritikern zufolge diese Entwicklung noch gefördert.
Nachdem die IPV es abgelehnt hatte, den Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1981 in Berlin stattfinden zu lassen, setzte Anfang der 1980er Jahre in der deutschen Psychoanalyse eine intensive Diskussion über ihrer Geschichte während der NS-Zeit ein. Einen Höhepunkt bildete die Begleitausstellung "Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter..." zum 34. Internationalen Psychoanalytischen Kongress, der 1985 in Hamburg erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf deutschem Boden stattfand.

DDR

Was die DDR betrifft, so war die Freudsche Lehre dort nicht direkt verboten, sie wurde jedoch für antihuman, wissenschaftsfeindlich und gesellschaftspolitisch untragbar erklärt und offiziell weder gelehrt noch praktiziert. Der einzige nach der Teilung in der DDR verbliebene Psychoanalytiker, Alexander Mette, zog der Ausübung seines Berufs eine politische Karriere vor. Größeren Einfluss hatte hier die Neoanalyse Schulz-Henckes. Die von ihm postulierte Rückführung der Psychoanalyse auf "das Beobachtbare" kam der Forderung nach einer materialistisch fundierten, an der Reflextheorie Pawlows orientierten Psychologie ebenso entgegen wie seine Ablehnung der Libidotheorie.

© 2007-2017  Brigitte Nölleke       Letzte Änderung: 16.2.2017       Impressum