Annie Anzieu studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Philosophie und Psychologie (bei Daniel Lagache) in Paris. 1947 heiratete sie ihren Kommilitonen Didier Anzieu (1923-1999), ihre beiden Kinder Christine und Patrick wurden 1950 bzw. 1953 geboren. Didier Anzieu war der Sohn von Marguerite Anzieu, geb. Pantaine, die 1931 in die Psychiatrie eingewiesen wurde und als Jacques Lacans "Fall Aimée" Berühmtheit erlangte. Ohne Kenntnis dieses Zusammenhangs ging er 1949 zu Lacan in die Analyse.
Annie Anzieu arbeitete als Psychologin und Philosophielehrerin, bevor sie 1958 eine Tätigkeit als Logopädin und Psychotherapeutin an der Salpêtrière in Paris begann. Gemeinsam mit Daniel Widlöcher gründete sie dort die Abteilung für Kinderpsychotherapie, die sie viele Jahre lang geleitet hat. Sie machte ihre Lehranalyse bei Georges Favez und wurde Mitglied der 1964 gegründeten Association Psychanalytique de France. Spezialisiert auf die Kinderanalyse war sie Präsidentin der Association pour la psychanalyse de l'enfant und gründete 1994 mit Florence Guignard die Société Européenne pour la Psychanalyse de l'Enfant et de l'Adolescent (SEPEA), deren Vizepräsidentin sie ist.
Annie Anzieus Denken wurde vor allem von Daniel Lagache, Melanie Klein und Donald Winnicott beeinflusst. Zusammen mit Didier Anzieu entwickelte sie das Konzept des Haut-Ichs. Neben der Kinderanalyse interessierte sie sich besonders für die weibliche Sexualität. In ihrem Buch La femme sans qualité [Die Frau ohne Eigenschaften] vertritt sie die Ansicht, dass die Psyche der Frau von den Repräsentationen ihres Körperinneren, eines sexuellen Hohlraums, geprägt wird. Das Weibliche ist nach Anzieu nicht mit dem Mangel (ohne Penis), sondern mit den Vorstellungen von Öffnung und Passage konnotiert.
Annie Anzieu lebt heute in Paris. Ihre Tochter Christine Anzieu-Premmereur ist ebenfalls Psychoanalytikerin.

Jenny Aubry gehörte zu den Pionierinnen der Kinderanalyse in Frankreich. Sie stammte aus einem gebildeten großbürgerlichen Pariser Elternhaus, ihre Mutter Jeanne Javal war jüdischer Herkunft, ihr Vater, der Ingenieur Paul Louis Weiss, war Protestant. Ihre ältere Schwester Louise Weiss war eine berühmte Suffragette. Auf Drängen ihrer Mutter und gegen den Wunsch ihres Vaters studierte Jenny Weiss Medizin, Neurologie und Kinderpsychiatrie. 1928 heiratete sie den aus Rumänien stammenden Kinderarzt Alexandre Roudinesco (1883-1974), mit dem sie drei Kinder hatte; ihre Tochter Élisabeth Roudinesco wurde ebenfalls Psychoanalytikerin.
Jenny Roudinesco begann ihre Facharztausbildung bei dem Neurologen Clovis Vincent und war von 1935 bis 1939 Assistenzärztin bei dem Kinderpsychiater Georges Heuyer. In dieser Zeit lernte sie die Kinderanalytikerin Sophie Morgenstern kennen. Nach ihrer Ernennung zur Spitalsärztin im Jahr 1939 war sie an der Pariser Salpêtrière, im Hospiz von Brévanne und am Hôpital des Enfants Malades tätig. Während der deutschen Besatzungszeit engagierte sie sich in der Résistance und nutzte, geschützt durch falsche Papiere, ihre Befugnisse als Ärztin, um jüdische Kinder zu verstecken und Jugendliche mit Krankschreibungen vor dem Arbeitsdienst zu bewahren.
1946 übernahm sie die Leitung der Kinderabteilung am Ambroise-Paré-Krankenhaus, dem die Fondation Parent de Rosan angeschlossen war, eine öffentliche Einrichtung zur Unterbringung von Kleinkindern, die von ihren Müttern verlassen worden waren. Angesichts der Hospitalismusschäden dieser Kinder begann sie sich für die psychoanalytischen Ansätze von René Spitz und John Bowlby zu interessieren. Nach einer Begegnung mit Anna Freud und einem Studienaufenthalt in den USA wandte Jenny Roudinesco sich 1948 endgültig der Psychoanalyse zu. Ihre Lehranalyse absolvierte sie bei Michel Cénac und Sacha Nacht. Einer ihrer Kontrollanalytiker war Jacques Lacan, dem sie 1953 in die Société de Psychanalyse Freudienne (SPF) und anschließend in die École Freudienne de Paris (EFP) folgte. 1952 ließ sie sich von Alexandre Roudinesco scheiden und heiratete den Mathematiker Pierre Aubry. (Artikelanfang)
In ihrem 1953 erschienenen Buch Enfance abandonée berichtete Jenny Aubry über ihre Arbeit mit hospitalismusgeschädigten Kindern in der Fondation Parent de Rosan und den Erfolg der Psychoanalyse bei der Vorbeugung und Behandlung von Psychosen. Ihre Pionierleistung bestand vor allem darin, psychoanalytische Erkenntnisse und Prinzipien im Bereich nicht-psychiatrischer Kliniken eingeführt zu haben. Ab 1952 in der Poliklinik des Boulevard Ney tätig, dehnte sie ihre Aktivität auch auf die Prävention von Schulproblemen aus und entwickelte eine Art Gruppentherapie für Kindergärten.
Von 1963 bis 1968 leitete Jenny Aubry die Kinderabteilung am Pariser Hôpital des Enfants Malades und richtete dort die erste psychoanalytische Beratungsstelle Frankreichs ein. Nach ihrer Pensionierung 1968 zog sie nach Aix-en-Provence, wo sie entscheidend zur Verbreitung der lacanianisch orientierten Psychoanalyse in Südfrankreich beitrug. Nachdem Pierre Aubry 1972 gestorben war, kehrte sie nach Paris zurück und war dort als Lehranalytikerin tätig. Eine Sammlung ihrer Aufsätze erschien posthum unter dem Titel Psychanalyse des enfants séparés. Etudes cliniques 1952-1986.

Piera Aulagnier wurde in Mailand geboren, als Tochter einer sechzehnjährigen Mutter. Ihre ersten Jahre verbrachte sie in Ägypten und wuchs danach in Italien bei ihren Großeltern auf. Sie studierte in Rom Medizin und kam 1950 nach Paris, wo sie ihre psychiatrische Ausbildung abschloss. Zwischen 1955 und 1961 absolvierte sie eine Lehranalyse bei Jacques Lacan und wurde Mitglied der Société française de psychanalyse. Später machte sie eine weitere Analyse bei Serge Vidermann.
1964 folgte sie Lacan in die École Freudienne de Paris, die sie 1969 wieder verließ, als Lacan die "passe" einführte, einen eher subjektiven Zugangsmodus zum Titel des Lehranalytikers. Gemeinsam mit François Perrier und Jean-Paul Valabrega gründete sie im gleichen Jahr die Organisation psychanalytique de langue française (OPLF), die sogenannte Quatrième Groupe. 1967 rief Piera Aulagnier zusammen mit Conrad Stein und Jean Clavreul die Zeitschrift L'Inconscient ins Leben, und 1969 wurde sie Chefredakteurin der neugegründeten Zeitschrift Topique.
Nachdem sie sich von ihrem ersten Ehemann, dem Geschäftsmann André Aulagnier, von dem ihr Sohn Claude stammte, getrennt hatte, heiratete Piera Aulagnier 1975 den griechischstämmigen Philosophen und Psychoanalytiker Cornelius Castoriadis (1922-1997). Die Ehe wurde 1984 wieder geschieden.
Piera Aulagnier spezialisierte sich auf die Arbeit mit Psychotikern und war in der Psychiatrischen Klinik Sainte-Anne in Paris tätig. Von 1962 bis zu ihrem Tod 1990 hielt sie hier ein wöchentliches Seminar ab, aus dem viele ihrer Publikationen hervorgingen. Ihr in der Tradition Lacans stehendes theoretisches Werk zählt zu den bedeutendsten französischen Beiträge zur psychoanalytischen Literatur, erschließt sich jedoch nicht leicht. Ihr Ausgangspunkt war der psychotische Diskurs und die Frage nach dem Sinn der Psychosen. Für Aulagnier liegt der Psychose eine Dissonanz zwischen dem Erleben des Kleinkindes und seiner durch den mütterlichen Diskurs auferlegten Bedeutung zugrunde. Das System wahnhaften Denkens ist der Versuch, eine Lösung für diesen Widerspruch zu finden.
Auf dem Hintergrund ihrer klinischen Erfahrung mit Psychotikern entwickelte Piera Aulagnier die Freudsche Metapsychologie weiter und fasste den Begriff des "Je" neu: als eine Instanz, die vom Diskurs konstituiert wird und die Produktion von Sinn zur Aufgabe hat. Sie prägte eine Reihe neuer Konzepte wie den "Originärprozess" [processus originaire], der dem Primär- und dem Sekundärprozess vorausgeht. Alle drei Prozesse bezeichnet Aulagnier als psychische "Stoffwechselvorgänge" [métabolisation], durch die Außerpsychisches mittels spezifischer Repräsentationsformen in Psychisches transformiert wird. Die Repräsentationen des Originärprozesses sind "Piktogramme", die des Primärpozesses unbewusste Phantasien und die des Sekundärprozesses sprachliche Aussagen. Funktionieren Primär- und Sekundärprozesse nicht normal, so regrediert das Individuum auf das Niveau des Originärprozesses, der das Denken durchdringt und so zur Quelle psychotischer Denkvorgänge wird.
Piera Aulagnier starb im Alter von 66 Jahren an Lungenkrebs. (Artikelanfang)

Marie Balmary wurde in der Bretagne geboren. Sie studierte Psychologie in Paris und absolvierte ihre psychoanalytische Ausbildung bei Jacques Lacan und der Ecole Freudienne de Paris. Als ihre Doktorarbeit 1974 von der Sorbonne nicht angenommen wurde, veröffentlichte Balmary ihre freud-kritischen Erkenntisse fünf Jahre später in ihrem Buch L'homme aux statues. Darin bezog sie sich insbesondere auf Sigmund Freuds Ersetzung der Verführungstheorie (sexueller Missbrauch) durch den Ödipuskomplex (infantile Sexualität). Dass Freud in seiner Rezeption des Ödipus-Mythos den versuchten Sohnesmord von Ödipus' Vater Laios verschwieg, erklärte Balmary mit Freuds Verdrängung der Verfehlungen seines eigenen Vaters: Dieser habe seine zweite Frau Rebekka in den Selbstmord getrieben, um Freuds bereits schwangere Mutter zu heiraten - Annahmen, die in der Freud-Forschung umstritten sind.
Marie Balmary hat ihr Lebenswerk der Aufgabe gewidmet, die Psychoanalyse um eine spirituelle Dimension zu erweitern. Zu diesem Zweck unternimmt sie eine neue, sprachlich genaue Lektüre und Analyse der Bibel im hebräischen Urtext und unterzieht gleichzeitig Freuds Lehre einer Revision.
Marie Balmary lebt in Paris, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Laurence Bataille war die einzige Tochter des Schriftstellers Georges Bataille und der rumänisch-jüdischen Schauspielerin Sylvia Bataille. Ihre Eltern trennten sich 1933, ihre Mutter lebte seit 1939 mit dem Psychoanalytiker Jacques Lacan zusammen, den sie 1953 heiratete. Laurence wuchs zusammen mit ihrer Halbschwester Judith bei ihrem Stiefvater auf. Mit sechzehn wurde sie die Geliebte des Malers Balthus und Modell einiger seiner Bilder. Laurence Bataille entschied sich zunächst für eine Karriere als Schauspielerin. Nach einer Tournee 1954 in Algerien war sie einige Zeit Mitglied der KPF und engagierte sich für die Unabhängigkeit Algeriens. 1960 verbrachte sie wegen Unterstützung der Befreiungsbewegung FLN sechs Wochen im Gefängnis.
Seit ihrer Jugend vertraut mit den Ideen Lacans, studierte Laurence Bataille Medizin und begann 1963 eine Lehranalyse bei Conrad Stein. Sie war Mitglied der École Freudienne de Paris, bis Lacan sie 1980 auflöste. Nach Lacans Tod schloss sie sich der von ihrem Schwager Jacques-Alain Miller geführten École de la Cause freudienne (ECF) an. Von 1976 bis 1978 war sie Geschäftsführerin der lacanianischen Zeitschrift Ornicar?, wo sie auch Artikel und Rezensionen veröffentlichte. 1982 erklärte sie ihren Austritt aus der ECF, da sie die Art missbilligte, wie Jacques-Alain Miller Rundbriefe Lacans posthum als Gesetzestexte einsetzte.
Laurence Bataille, von Lacan als seine getreue Antigone bezeichnet, starb 1986 an Leberkrebs. Ein Jahr nach ihrem Tod erschien ein schmaler Band ihrer Schriften, in dessen titelgebendem Aufsatz Der Nabel des Traums sie die Arbeit der Deutung anhand eines zentralen Traums aus ihrer eigenen Analyse beschreibt.

Die promovierte Apothekerin Anne (Annette) Berman arbeitete bis 1924 im Labor der Sainte-Anne-Klinik in Paris. Danach führte sie einige Jahre lang eine eigene Apotheke, bis sie eine Analyse bei Marie Bonaparte machte und deren persönliche Sekretärin wurde. 1927 wurde sie Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP), wo sie von 1934 an das Amt der Institutssekretärin ausübte. Sie machte sich einen Namen durch ihre französischen Übersetzungen mehrerer Werke von Sigmund Freud und Ernest Jones. Unter anderem übersetzte sie Freuds Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1936), Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1948), Abriß der Psychoanalyse (1949) sowie Freuds und Josef Breuers Studien über Hysterie (1956).
Anne Berman war lange (bis 1940) mit dem französischen Psychiater Adrien Borel (1886-1966) liiert, der durch sie in die Psychoanalyse eingeführt wurde und 1926 die SPP mitgründete.

Prinzessin Marie Bonaparte, Sigmund Freuds Statthalterin in Frankreich, wurde in Saint-Cloud bei Paris geboren. Sie war die Urenkelin eines Bruders von Napoleon Bonaparte. Ihre Mutter Marie-Félix Blanc, die Tochter eines reichen Spielkasinobesitzers, starb kurz nach der Geburt Maries an der Schwindsucht und hinterließ ihrem Mann, Prinz Roland Bonaparte, ein großes Vermögen. Marie Bonaparte wuchs unter der Obhut von Erzieherinnen und dem strengen Regiment ihrer Großmutter auf. Als Kind glaubte sie, ihr Vater, um dessen Liebe sie sich vergeblich bemühte, und die böse Großmutter hätten aus Habgier ihre Mutter ermordet. Für deren Tod fühlte sie sich aber auch selbst durch ihre Geburt verantwortlich. Fünf Schulhefte (Cinq cahiers), die sie in ihrer Kindheit mit grausamen Geschichten vollschrieb, bildeten später eine wichtige Grundlage für ihre Analyse bei Sigmund Freud.
Ihr Wunsch, Medizin zu studieren, blieb unerfüllt. Stattdessen fügte sie sich den Erwartungen ihrer Familie und heiratete 1907 Prinz Georg von Griechenland und Dänemark (1869-1957), mit dem sie zwei Kinder, Eugénie and Pierre, hatte. 1923 lernte sie den französischen Psychoanalytiker René Laforgue kennen, der ihr wegen ihrer Depressionen und somatischen Störungen eine Analyse bei Sigmund Freud vermittelte. Ihre Begegnung mit Freud im Jahr 1925 war der Beginn einer lebenslangen engen Freundschaft. Die Analyse bei ihm dauerte mit Unterbrechungen bis 1938. Marie Bonaparte war es maßgeblich zu verdanken, dass Freud nach dem "Anschluss" 1938 mit seiner Tochter Anna nach London emigrieren konnte.
Marie Bonaparte machte eine weitere Analyse bei Rudolph Loewenstein und beteiligte sich 1926 an der Gründung der Société Psychanalytique de Paris (SPP), deren Vizepräsidentin sie 1934 wurde. Mit ihrem Vermögen finanzierte sie zahlreiche psychoanalytische Einrichtungen, darunter das Institut de Psychanalyse in Paris und die Revue Française de Psychanalyse, und rettete den Briefwechsel zwischen Freud und Wilhelm Fliess vor der Vernichtung. Nachdem 1940 die deutschen Truppen Frankreich besetzt hatten, ging Marie Bonaparte mit ihrer Familie ins Exil nach Griechenland und Südafrika. Unter ihrem Vorsitz wurde nach dem Krieg die erste psychoanalytische Study Group in Griechenland gegründet. 1945 kehrte sie nach Paris zurück und betrachtete es fortan als ihre Aufgabe, über die Reinheit der Freudschen Lehre zu wachen. Mit Anna Freud teilte sie die Abneigung gegen die Auffassungen Jacques Lacans und Melanie Kleins. Sie übersetzte Freuds Schriften ins Französische und engagierte sich als Vizepräsidentin der IPV für die Laienanalyse.
Im Vergleich zu ihrer wichtigen Rolle in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung in Frankreich waren Marie Bonapartes Schriften weniger bedeutend. Als besonders gelungen wird ihr 1927 veröffentlichter Aufsatz über den Fall Marie-Félicité Lefebvre angesehen, die ihre schwangere Schwiegertochter umgebracht hatte. Sie interpretierte diesen Mord als einen in die Tat umgesetzten unbewussten Todeswunsch gegen die eigene Mutter und plädierte darüber hinaus für eine Therapie psychisch gestörter Krimineller.
Als ihr Hauptwerk gilt ihre Arbeit über Edgar Allen Poe. Marie Bonaparte deutete Poes Werk als einen Versuch, von seiner toten Mutter loszukommen und so seine Impotenz zu überwinden. Ihre Poe-Interpretation enthält zugleich eine Selbstanalyse: Die ambivalente Bindung an eine tote Mutter war auch ihr eigenes Kindheitstrauma, und Frigidität bildete ein lebenslanges Thema für sie. 1924 stellte sie ihrem Aufsatz Considérations sur les causes anatomiques de la frigidité chez la femme fest, dass weibliche Frigidität häufig anatomisch bedingt sei, nämlich durch einen zu großen Abstand zwischen Klitoris und Vagina. Der Übergang von der Klitorisfixierung zur erwünschten vaginalen Erotik könne nur durch die Kombination von psychoanalytischer Therapie und chirurgischem Eingriff erreicht werden - einer Operation, der sie sich selbst mehrere Male ohne Erfolg unterzog. Auch in ihren späteren Arbeiten zur weiblichen Sexualität vertrat Marie Bonaparte eine psychobiologische Sichtweise. (Artikelanfang)
Sie war die erste, die beim kleinen Mädchen eine aktive phallische Phase ausmachte, in der die Klitoris dem Phallus entspricht. Diese auf die Mutter gerichtete phalllische Aktivität wird zeitlich von zwei Phasen der Passivität eingerahmt: die erste gegenüber der Mutter, die zweite gegenüber dem Vater. Die libidinöse Fixierung von Frauen auf die "männliche" Klitoris beruht nach Bonaparte auf einem im wesentlichen biologischen männlichen Charakter im weiblichen Organismus. Diese konstitutionelle Bisexualität der Frau bilde ein Haupthindernis für die Entwicklung normaler Sexualität.
Marie Bonaparte starb im Alter von achtzig Jahren an Leukämie.

Denise Braunschweig-Demay zählt zu den VertreterInnen der psychoanalytischen Psychosomatik in Frankreich. Nachdem sie Jura, Psychologie und Medizin studiert hatte, wandte sie sich der Psychoanalyse zu und wurde Mitglied der Société Psychanalytique de Paris. Sie arbeitete mehrere Jahre in der Kinderpsychiatrie, u. a. am Centre Georges-Amado in Vitry und am Hôpital de jour du 13e arrondissement in Paris, wo sie mit Serge Lebovici zusammenarbeitete.
1972 gründete sie gemeinsam mit Pierre Marty, Catherine Parat, Michel d'Uzan, Michel Fain und Christian David in Paris das Institut de psychosomatique, wo sie bis an ihr Lebensende tätig war. Seit 1991 war sie außerdem Redaktionsmitglied der Revue Française de Psychosomatique. Mit ihrem in der klassischen Tradition Sigmund Freuds stehenden Werk leistete Denise Braunschweig einen wichtigen Beitrag zur psychoanalytischen Theorie der Weiblichkeit. Schwerpunkte ihrer großenteils gemeinsam mit Michel Fain veröffentlichten Arbeiten waren Narzissmus, Fetischismus, der Objektwechsel des Mädchens, die Besetzung der weiblichen Geschlechtsorgane und der Einfluss des Geschlechtsunterschieds auf die Realitätsbeziehung.
Denise Braunschweig und Michel Fain führten den Begriff der "Zensur der Geliebten" [censure de l'amante] ein. Gemeint ist damit, dass Tagträume der Mutter über ihr Liebesleben mit dem Vater ihres Kindes die erotischen Gefühle "zensieren", welche beim Stillen und bei der Pflege des Säuglings entstehen. Der Vater wird so als Dritter in die Mutter-Kind-Beziehung eingeführt, und diese frühe Triangulation bildet die Grundlage für die spätere ödipale Entwicklung des Kindes.
Elsa Breuer stammte aus einer jüdisch-ungarischen Familie. Sie studierte in Ungarn Medizin, ging dann nach Paris und machte eine Lehranalyse bei Marie Bonaparte. 1936 wurde sie außerordentliches Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP). Zu ihren Analysanden zählte der Philosoph und Soziologe Georges Lapassade. 1952 wurde Elsa Breuer - wie schon vor ihr Margaret Clark-Williams - von der französischen Ärztekammer wegen illegaler Ausübung einer medizinischen Tätigkeit verklagt. Sie verlor ihren Prozess, weil sie den Fehler begangen hatte, Kassenpatienten zu behandeln und die Formulare mit "Dr. Breuer" zu unterzeichnen, obwohl ihr ungarisches Examen in Frankreich nicht anerkannt wurde.
Elsa Breuer lebte bis 1962 in Paris. Über ihren weiteren Lebenslauf ist nichts bekannt.

Die in Paris geborene Janine Chasseguet-Smirgel war die Tochter polnisch-russischer Einwanderer, ihr Vater Jules Smirgel (bzw. Smirguel) war Ingenieur und Maler. Da ihre Mutter häufig krank war, wurde ihre Tante Anne, eine Lungenärztin, ihre wichtigste Bezugsperson. Janine Chasseguet-Smirgel studierte nach Kriegsende Politikwissenschaft (Diplom 1952) und Psychologie an der Sorbonne. Von 1953 bis 1956 machte sie eine Analyse bei Béla Grunberger (1903-2005), ihrem späteren Ehemann. 1958 beendete sie ihre psychoanalytische Ausbildung und wurde 1965 Lehranalytikerin der Société Psychanalytique de Paris, deren Präsidentin sie von 1975 bis 1977 war. Von 1983 bis 1989 amtierte sie als Vizepräsidentin der IPV. Nach ihrer Promotion im Jahr 1982 war sie Inhaberin des Freud Memorial Chair an der Universität London (1982/83), und von 1992 bis zu ihrer Emeritierung 1996 lehrte sie Klinische Psychologie und Psychopathologie an der Charles-de-Gaulle-Universität in Lille.
Janine Chasseguet-Smirgels Denken wurde durch Sándor Ferenczi, Béla Grunberger und Melanie Klein geprägt. Ihre Arbeiten umfassen Untersuchungen über weibliche Sexualität, Kreativität und Perversion, Narzissmus und Ichideal sowie die psychoanalytische Deutung kultureller, sozialer und politischer Phänomene. In einem ihrer ersten Aufsätze Die weiblichen Schuldgefühle kritisierte sie die Weiblichkeitstheorie Sigmund Freuds, indem sie den Penisneid des Mädchens nicht als eigentlichen Männlichkeitswunsch, sondern als Revolte gegen die allmächtige Mutter auffasste. Der Wunsch, sich des väterlichen Phallus zu bemächtigen und sich von der Mutter zu befreien, bildet nach Chasseguet die Quelle weiblicher Schuldgefühle.
In ihren Arbeiten zu Kreativität und Perversion stellte Janine Chasseguet-Smirgel dem authentischen Werk des Künstlers das fetischistische "falsche" Objekt des Perversen gegenüber. Die Kreativität des Künstlers beinhaltet, dass er seine regressiven Wünsche nach der Rückkehr zu primärnarzisstischer Vollkommenheit überwindet, indem er sein Ichideal auf väterliche Vorbilder projiziert. Der Perverse hingegen verfällt der "Krankheit der Idealität", indem er - häufig von der Mutter bestärkt - die Kindheitsillusion aufrechterhält, er befände sich im Besitz des idealisierten prägenitalen (analen) Phallus und sei somit dem Vater ebenbürtig, ja überlegen.
Chasseguet-Smirgel geht aus von der strukturell notwendigen Polarisierung einer anal-phallisch-destruktiven mütterlichen Welt der Regression und Perversion einerseits und einer väterlichen Welt der Struktur, des Gesetzes und der Kreativität andererseits. Die Integration dieser beiden Welten im reifen Ödipus misslingt aber in der Regel. So trägt die Rebellion gegen Vater und Gesetz perverse und regressive Züge, wie Chasseguet-Smirgel und Grunberger (unter dem Pseudonym "André Stéphane") der 1968er Studentenbewegung und deren Theoretikern vorhielten.
Sensibilisiert durch das Schicksal ihrer eigenen, dem Holocaust zum Opfer gefallenen jüdischen Angehörigen, galt Janine Chasseguet-Smirgels besonderes Interesse der psychoanalytischen Erklärung des Nationalsozialismus. Dessen rassistische Ideologie deutete sie als Wunsch, die Fremden aus dem Mutterleib zu vertreiben, um selbst mit der allmächtigen Urmutter - repräsentiert durch die Gruppe - verschmelzen zu können.
Janine Chasseguet-Smirgel starb im Alter von 77 Jahren an Leukämie. (Artikelanfang)

Die Journalistin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Maryse Choisy wurde in Saint-Jean-de-Luz in Frankreich geboren. Sie wuchs bei ihrer Tante, der Comtesse Anne de Brémond, auf, in deren Schloss Berühmtheiten wie Oscar Wilde, Gabriele d'Annunzio und Picasso verkehrten. Nach dem Ersten Weltkrieg zog Maryse mit ihrer Tante nach London, besuchte dort das Girton College und studierte Philosophie und Psychologie. Sie beendete ihr Studium mit einer Dissertation über Les systèmes de philosophie Samkhya.
1925 (1927?) begann Maryse eine Analyse bei Sigmund Freud in Wien, die sie nach drei Sitzungen erschrocken abbrach. Freud hatte anhand eines Traums aufgedeckt, dass sie ein illegitimes Kind war - was von ihrer Tante bestätigt wurde. Sie erfuhr nie, wer ihre Eltern waren, und nahm den Namen "Choisy" ["gewählt"] an. Von 1925 an arbeitete sie in Paris als Journalistin für die Zeitschrift L'Intransigeant und spielte eine wichtige Rolle in intellektuellen und künstlerischen Kreisen. Besonderes Aufsehen erregte die Pionierin des investigativen Journalismus durch ihr Buch Un mois chez les filles über Prostitution, für das sie undercover in einem Bordell recherchiert hatte. Als Linke und Feministin kämpfte sie für das Stimmrecht von Frauen.
Maryse Choisy heiratete den Journalisten Maxime Clouzet, den Vater ihrer 1932 geborenen Tochter Colette. Ende der 1930er Jahre begegnete sie Teilhard de Chardin und konvertierte zum Katholizismus. Sie fand zur Psychoanalyse zurück und ließ sich von Charles Odier, René Laforgue (1944) und Maurice Bouvet (1955) analysieren. Choisy wurde Mitglied der Société Psychanalytique de Paris und Verfechterin einer christlichen Psychoanalyse, die sich um die Anerkennung der katholischen Kirche bemühte. 1953 führte ihr Engagement dazu, dass Pius XII sich zur Billigung einer "ernsthaften Psychotherapie" durchrang, solange diese nicht nach sexuellen Ursachen suchte und gegen den Glauben verstieß.
1946 gründete Maryse Choisy das Centre d'études des sciences de l'homme, dem auch Pierre Janet, René Laforgue und Teilhard de Chardin angehörten. Im gleichen Jahr erschien unter ihrer Leitung die erste Nummer der Zeitschrift Psyché. Revue internationale de psychanalyse et des sciences de l'homme, mit der Choisy dem Freudschen Atheismus eine Synthese von Psychoanalyse und Spiritualität entgegenzusetzen versuchte. Inspiriert durch die Zeitschrift Imago sollte Psyché - für die so bekannte AutorInnen wie Laforgue, Françoise Dolto, Juliette Favez-Boutonier und Octave Mannoni schrieben - ein größeres Publikum ansprechen. Neben psychoanalytischen Inhalten wurden auch Themen wie Akupunktur, Graphologie, östliche Religionen und kulturelle Ereignisse behandelt. 1959 (eine Sondernummer erschien noch 1963) wurde ihr Erscheinen eingestellt.
Maryse Choisy veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter Romane, Gedichte, Essays und Reportagen sowie populärwissenschaftliche Schriften zur Psychoanalyse. (Artikelanfang)
Die Amerikanerin Margaret Clark-Williams kam erstmals im Alter von 21 Jahren nach Frankreich und knüpfte bei einem Aufenthalt in Wien 1931/32 erste Kontakte in psychoanalytischen Kreisen, bevor sie mit ihren beiden Kindern David und Anne in die USA zurückkehrte. Eine erste Analyse machte sie bei dem Schweizer Raymond de Saussure, der von 1940 bis 1952 in New York praktizierte. 1945 ging sie nach Paris, wo sie Psychologie bei Daniel Lagache studierte und eine Ausbildung in der Kinderpsychiatrie bei Georges Heuyer absolvierte. Ihre Lehranalyse machte sie bei Georges Parcheminey, ihr Kontrollanalytiker war John Leuba. 1950 wurde sie außerordentliches Mitglied der Société Psychanalytique de Paris.
Margaret Clark-Williams war als Kinderpsychotherapeutin am Pariser Centre psychopédagogique de Claude-Bernard beschäftigt, als sie 1950 von der französischen Ärztekammer verklagt wurde: Es sollte ihr untersagt werden, als Psychoanalytikerin zu praktizieren, da sie keine medizinische Ausbildung hatte. Marie Bonaparte, die selbst "Laienanalytikerin", also keine Ärztin war, engagierte sich für ihre Verteidigung ebenso wie Juliette Favez-Boutonier, die ehemalige medizinische Direktorin des Claude-Bernard-Zentrums. Es kam 1951 zu einem spektakulären Prozess, den Margaret Clark-Williams zunächst gewann. In der Berufung 1953 unterlag sie jedoch - ein Desaster für die Laienanalyse.
Margaret Clark-Williams war langjährige Mitarbeiterin von André Berge am Centre Claude-Bernard bis sie 1973 in den Ruhestand ging.
Odette Codet wurde in Rosny-sous-Bois in Frankreich geboren. Sie war mit dem Psychoanalytiker Henri Codet (1889-1939) verheiratet und wie dieser Gründungsmitglied der ersten freudianischen Gruppe in Frankreich um die Zeitschrift L'Évolution psychiatrique. Nachdem sie mit einer Dissertation über Säuglingsdiät promoviert hatte, arbeitete sie während der 1930er Jahre als Ärztin am Pariser Bretonneau-Krankenhaus. Sie machte ihre Lehranalyse bei Marie Bonaparte und wurde 1934 außerordentliches, ein Jahr später ordentliches Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP). Nach dem Unfalltod ihres ersten Ehemannes heiratete sie den Architekten Pierre Laurent-Lucas-Championnière.
1953 gehörte Odette Codet mit Marie Bonaparte und Georges Parcheminey zu den GegnerInnen einer Medizinisierung der Psychoanalyse durch Sacha Nacht, der als Direktor für das neue Institut de Psychanalyse nominiert war. Obwohl diese Gruppe zusammen mit den Liberalen um Daniel Lagache und Jacques Lacan eine Mehrheit gegen Nacht bildete, waren die Differenzen zu Lacan doch zu groß. Bei einer entscheidenden Sitzung der SPP initiierte Odette Codet einen Misstrauensantrag gegen Lacan, was zu dessen Abwahl als Präsident der SPP und zum Austritt zahlreicher Mitglieder führte. 1959 wurde sie selbst Präsidentin der SPP, gab das Amt jedoch aus Krankheitsgründen wieder auf.
In ihrem Aufsatz À propos de trois cas d'anorexie mentale aus dem Jahr 1939 berichtete Odette Codet über drei anorektische Mädchen im Alter von drei bis fünfzehn Jahren. Sie hob darin hervor, dass die Konflikte dieser Mädchen mit steigendem Alter immer komplexer werden, und verwies auf die wichtige Rolle, die die Haltung der Eltern bei der Entstehung und Behandlung solcher Konflikte spielt.
Myriam David wurde als Tochter jüdischer Eltern in Paris geboren. Sie studierte ab 1933 in Paris Medizin mit dem Schwerpunkt Kinderheilkunde und promovierte 1942. Im gleichen Jahr floh sie vor den Nazis nach Südfrankreich und schloss sich der Résistance an. Ende 1943 wurde sie verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, sie überlebte das KZ jedoch und kehrte 1945 nach Paris zurück.
1946 ging Myriam David in die USA, um sich in der Kinderpsychiatrie zu spezialisieren, zunächst bei Leo Kanner am Johns Hopkins Hospital, dann in der Judge Baker Guidance Clinic in Boston sowie an dem von Marian Putnam und Beata Rank geleiteten James Jackson Putnam Children's Center. Gleichzeitig machte sie eine psychoanalytische Ausbildung am Boston Psychoanalytic Institute. 1950 zurück in Paris richtete Myriam David auf Anregung von Jenny Aubry eine psychotherapeutische Beratungsstelle am Hôpital des Enfants Malades ein. 1966 gründete sie in Soisy-sur-Seine eine therapeutische Einrichtung für Pflegekinderfamilien, die sie bis 1983 leitete, und 1976 schuf sie im Rahmen der Fondation Rothschild ein Kleinkinderzentrum nach dem Vorbild des J. J. Putnam Children's Center.
Myriam David, die selbst ihre Mutter früh verloren hatte, war eine Pionierin der Kleinkinderpsychiatrie in Frankreich. Sie interessierte sich vor allem für die Folgen einer frühen Trennung von der Mutter, die sie in den 1950er Jahren in den Kinderkrippen Parent de Rosan und - zusammen mit John Bowlby - Amyot erforschte. 1962 begann sie mit ihrer Freundin, der Psychologin Geneviève Appell, eine Langzeitstudie über Kinder, die in den ersten drei Monaten nach der Geburt von ihren Müttern getrennt wurden und deren Entwicklung die Forscherinnen bis zu ihrem vierten Lebensjahr verfolgten. Myriam David verwendete den Begriff des "leeren Verhaltens", um den Zustand depressiver Babies zu beschreiben, die von keinen inneren Vorstellungen und Phantasien bewegt zu werden scheinen. Besonders bekannt wurde Davids und Appells Bericht über den erfolgreichen pädagogischen Ansatz von Emmi Pikler in ihrem Kleinkinderheim Lóczy in Budapest.

Monique David-Ménard, deren Name für eine Verbindung von Philosophie und Psychoanalyse steht, wurde in Lyon geboren. Sie machte 1968 bei Paul Ricœur in Nanterre den Masterabschluss in Philosophie, promovierte 1978 bei Pierre Fédida an der Universität Paris VII in Psychopathologie und Psychoanalyse und erwarb 1990 bei Jean-Marie Beysade an der Sorbonne Nouvelle Paris-III den Doktorgrad in Philosophie.
Von 1969 bis 2007 als Philosophieprofessorin in Reims, Sceaux und Paris tätig, absolvierte Monique David-Ménard ihre psychoanalytische Ausbildung bei der von Jacques Lacan geführten École Freudienne de Paris, deren Mitglied sie von 1979 bis 1980 war. Zwischen 1982 und 1994 gehörte sie dem Centre de formation et de recherches psychanalytiques (CFRP) an; 1994 wurde sie Mitglied der Société de Psychanalyse Freudienne. Sie war von 1992 bis 1995 Direktorin und von 1995 bis 1998 Vizepräsidentin des Collège International de Philosophie in Paris. Seit 1999 lehrt sie Psychopathologie und Psychoanalyse an der Université Denis Diderot, Paris VII, wo sie auch Direktorin des Centre des études du vivant ist. Sie zählt zu den Gründungsmitgliedern der Société Internationale de Philosophie et Psychoanalyse.
Monique David-Ménard interessiert sich besonders für den Einfluss von Phantasie und Sexualität auf die Produktion des philosophischen Diskurses. Mithilfe der Psychoanalyse beleuchtet sie z. B. die Schwachpunkte des Begriffs des Allgemeinen, indem sie zeigt, dass sich die Grundlagen dieses Begriffs bei Kant und anderen Denkern auf eine männliche, also sexuierte Anthropologie beziehen. Die Logik des Allgemeinen, die die Gleichwertigkeit der Subjekte impliziert, verweist nach David-Ménard auf eine Serialität für äquivalent gehaltener Begehrensobjekte, die es bei Frauen in dieser Form nicht gibt.
Françoise Dolto gilt neben Jacques Lacan als die zweite große Gestalt der französischen Psychoanalyse. Sie wurde als viertes von sieben Kindern einer katholischen Familie der Pariser Großbourgeoisie geboren und wuchs in einem sexualfeindlichen, nationalistischen und antisemitischen Milieu auf. Ihr Vater Henri Marette war Ingenieur und Hauptmann der Artillerie, ihre Mutter Suzanne Demmler ausgebildete Krankenschwester. Nach dem Tod ihrer älteren Schwester, dem Liebling ihrer Mutter, verfiel diese in Depressionen und bedauerte das Überleben der weniger geliebten Tochter. Françoise verbrachte ihre Jugend im Zeichen von Trauer und Schuld, eine schwere Neurose war die Folge.
Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester begann Françoise Marette 1932 wie ihr jüngerer Bruder Philippe ein Medizinstudium, mit dem Ziel, "Erziehungsärztin" zu werden. Von 1934 bis 1937 absolvierte sie eine Lehranalyse bei René Laforgue, in deren Verlauf sie sich weitgehend von ihrem familiären Hintergrund befreien konnte, an ihrem katholischen Glauben hielt sie jedoch fest. 1939 wurde sie ordentliches Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP). Drei Jahre zuvor war sie Jacques Lacan begegnet, dessen Ansichten über die zentrale Rolle der Sprache und die sprachliche Struktur des Unbewussten sie teilte. Nach dem Krieg wurden sie enge Freunde.
Während ihrer kinderpsychiatrischen Ausbildung bei Georges Heuyer am Vaugirard-Krankenhaus arbeitete Françoise Marette mit Sophie Morgenstern zusammen. Auf deren Ansatz bezog sie sich, als sie 1939 in ihrer Doktorarbeit Psychanalyse et pédiatrie ihre Methode der Kinderanalyse begründete. Ihrer Ansicht nach sollten Kinderanalytiker Sprachrohr der Worte der Kindheit sein und sich in der Therapie der kindlichen Sprache bedienen. Doltos pädagogische Vorstellungen waren von Célestin Freinet, Alfred Adler und Alexander S. Neill inspiriert. Ein wichtiger Lehrer war für sie Édouard Pichon, dessen Sprechstunde am Pariser Trousseau-Krankenhaus sie 1940 übernahm, um dort bis 1978 tätig zu sein. 1942 heiratete sie den aus Russland emigrierten Arzt Boris Dolto (1899-1981), mit dem sie drei Kinder hatte: Yvan-Chrysostome, Grégoire und Catherine.
1953 verließ Françoise Dolto zusammen mit Lacan und anderen die SPP aus Protest gegen die verstärkte Reglementierung der Ausbildung und beteiligte sich an der Gründung der Société Française de Psychanalyse. Zehn Jahre später wurde ihr von der IPV die Ausbildung von Psychoanalytikern untersagt, mit der Begründung, sie beeinflusse wie ein Guru ihre Schüler und halte sich nicht an die Ausbildungsregeln der IPV. Daraufhin gründete sie 1964 gemeinsam mit Lacan die École Freudienne de Paris.
Bei einem Kolloquium über Kinderpsychosen stellte Françoise Dolto 1967 ihren berühmten Fall des 14jährigen schizophrenen Dominique vor, der als Beispiel einer gelungenen Kinderanalyse in die psychoanalytische Literatur einging. Dolto entwickelte eine eigene Theorie, deren zentrale Begriffe das "unbewusste Körperbild" und die "symbolstiftenden Kastrationen" sind.
Das Körperbild ist die unbewusste symbolische Verkörperung des begehrenden Subjekts, noch bevor dieses fähig ist, "ich" zu sagen, eine Repräsentation ohne Worte, in der sich erste aus körperlichen und psychischen Bedürfnissen entwickelte Beziehungserfahrungen niederschlagen. Mit symbolstiftenden Kastrationen sind die notwendigen Trennungen von geliebten Teilobjekten gemeint, der Verzicht auf symbiotische Teilhabe am Körper der Mutter und auf die damit verbundenen archaischen Omnipotenzphantasien - nach Dolto die Voraussetzung der Symbolbildung. Durch sie wird das Kind zu einem sozialen, der Sprache mächtigen Wesen mit einem unbewussten Körperbild entsprechend seiner körperlichen Reife. Psychosen gehen dagegen mit einem verstümmelten Körperbild einher, sie entstehen durch misslungene Kastrationen, d. h. durch Fixierungen oder Regressionen auf frühere Stufen der Objektbeziehung.
1979 eröffnete Dolto in Paris das erste Maison Verte, wo Kinder von der Geburt bis zu drei Jahren auf geschützte Weise Trennungserfahrungen verarbeiten konnten. Das Modell machte Schule und heute gibt es in vielen Ländern Maisons Vertes. Vor allem durch ihre Sendungen im Radio (veröffentlicht unter dem Titel Lorsque l'enfant paraît) wurde Françoise Dolto zur populärsten Psychoanalytikerin in Frankreich. Sie erlag im Alter von 79 Jahren einer schweren Lungenkrankheit. (Artikelanfang)

Judith Dupont, die Enkelin von Vilma Kovács und Nichte von Alice Balint, wurde in Budapest geboren. Ihre Mutter Olga Székely-Kovácz war Malerin und Bildhauerin und porträtierte zahlreiche PsychoanalytikerInnen. Ihr Vater László Dormandi, war Eigentümer des ungarischen Verlags Pantheon und Autor mehrerer Romane. Mitte der 1920er Jahre konvertierten ihre Eltern, deren Vorfahren elsässische und spanische Juden waren, zum christlichen Glauben.
Judith Dormandi wuchs im Budapester Haus ihres Großvaters Frédéric Kovács auf, das die psychoanalytische Poliklinik beherbergte und in dem auch die Familie Balint wohnte. 1938 emigrierten die Dormandis nach Paris, wo Judith nach Kriegsende Medizin studierte und 1955 im Fach pathologische Anatomie promovierte. Einer ihrer Kommilitonen war Jacques Dupont, in dessen Druckerei sie mitarbeitete und den sie 1952 heiratete. Eine Tochter und ein Sohn gingen aus dieser Ehe hervor.
1954 begann Judith Dupont eine vierjährige Lehranalyse bei Daniel Lagache und wurde danach Mitglied der Association Psychanalytique de France. Sie arbeitete als Kinderanalytikerin in verschiedenen Institutionen, darunter das Centre de Guidance de l'Aisne und das Centre Etienne-Marcel in Paris. Außerdem eröffnete sie eine Privatpraxis, wo sie Erwachsene behandelte.
1969 gründete sie die Zeitschrift Le Coq-Héron, deren Mitherausgeberin sie bis heute ist. Einer der Schwerpunkte dieser Zeitschrift ist die Geschichte der Psychoanalyse, insbesondere der ungarischen. Judith Dupont ist französische Mitübersetzerin der Schriften von Michael Balint und Sándor Ferenczi sowie der Korrespondenz von Sigmund Freud und Ferenczi. Sie verwaltet das Erbe Ferenczis in Frankreich wie international und hat wie Maria Torok und Nicolas Abraham dazu beigetragen, dass Ferenczi sich in Frankreich einer besonderen Wertschätzung erfreut.
Micheline Enriquez wurde in Châlons-sur-Marne geboren. Sie studierte von 1950 bis 1954 in Paris Psychologie und arbeitete anschließend als Psychologin an der Abteilung für Geisteskrankheiten der Faculté de médecine in Paris und am Versailles-Krankenhaus. Von 1960 bis 1962 lehrte sie projektive Techniken am Institut für Psychologie an der Sorbonne.
Ihre psychoanalytische Ausbildung begann sie mit einer Lehranalyse bei Serge Leclaire von der Société Française de Psychanalyse, ihre Kontrollanalytikerin war Piera Aulagnier. Später machte sie eine zweite Analyse bei Serge Viderman. Sie schloss sich der 1964 von Jacques Lacan gegründeten École Freudienne de Paris (EFP) an. 1969 verließ sie die EFP, um sich an der Gründung der Organisation psychanalytique de langue française, genannt Quatrième Groupe, zu beteiligen, deren Präsidentin sie 1986 wurde. Außerdem gehörte sie der Association International d'Histoire de la Psychanalyse seit ihrer Gründung im Jahr 1985 an. 1978 erhielt Enriquez den Maurice-Bouvet-Preis für Psychoanalyse für drei ihrer in den 1970er Jahren in der Zeitschrift Topique erschienenen Aufsätze.
In ihrem 1984 veröffentlichten Buch Aux carrefours de la haine, das 2001 unter dem Titel La souffrance et la haine neu aufgelegt wurde, lieferte Micheline Enriquez neue Einsichten zum Verständnis von Paranoia, Masochismus und - in Anlehnung an einen Ausdruck des Marquis de Sade - Apathie. Sie zeigte, dass Paranoiker und Masochisten Leiden und Hass erotisieren, während die Apathischen Affekte vermeiden, um die für sie lebensnotwendige Distanz zu anderen aufrechtzuerhalten.
Micheline Enriquez starb im Alter von 56 Jahren bei einem Autounfall.
Solange Adelola Faladé, eine der ersten afrikanischen PsychoanalytikerInnen, stammte aus Dahomey (dem heutigen Benin), sie war die Enkelin Behanzins, des letzten unabhängigen Königs von Abomey. 1933 wurde sie zusammen mit ihrem Bruder Max nach Frankreich geschickt, um dort die Schule zu besuchen. Solange Faladé studierte Anfang der 1950er Jahre in Paris Medizin und promovierte 1955 über die psychomotorische Entwicklung afrikanischer Kinder aus Senegal. Sie engagierte sich für die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten und gründete 1950 die Fédération des étudiants d'Afrique noire francophone (FEANF), deren erste Präsidentin sie war.
1952 begegnete sie Jacques Lacan und wurde seine Schülerin und enge Vertraute. Ihre Lehranalyse bei Lacan fand im Rahmen der Société Française de Psychanalyse (SFP) statt, Kontrollanalytikerin war Françoise Dolto. Wichtig für ihre Ausbildung war auch Jenny Aubry, an deren Sprechstunde in der Stiftung Parent de Rosan sie teilnahm.
Als die SFP 1964 zerbrach, folgte Solange Faladé Lacan in die neugegründete École Freudienne de Paris (EFP), deren Vorstand sie von 1967 bis 1980 angehörte. Nach der Auflösung der EFP und Lacans Tod 1981 war Solange Faladé Mitinitiatorin des nur kurz existierenden Centre d'etudes et de recherches freudiennes (CERF), bevor sie 1983 eine eigene Schule gründete: die École Freudienne (EF), die sie bis zu ihrem Tod leitete. Die EF sieht sich in der Nachfolge von Lacans Rückehr zu Freud.
Solange Faladé arbeitete außerdem für die Weltgesundheitsorganisation WHO, gründete das Institut d'ethno-psychopathologie africaine in Paris und war Mitarbeiterin des Centre Nationale de Recherche Scientifique in den Bereichen Anthropologie und Ethnologie. Transkriptionen ihrer zwischen 1988 und 1994 bei der EF gehaltenen Seminare sind unter den Titeln Le moi et la question du sujet (1988-1989), Clinique des névroses (1990-1991) und Autour de la Chose (1993-1994) erschienen. (Artikelanfang)

Juliette Boutonier wurde in Grasse als Tochter einer südfranzösischen Lehrerfamilie geboren. Sie ging in Grasse und Nice zur Schule und studierte dann Philosophie an der Sorbonne in Paris. 1926 erhielt sie als eine der ersten Frauen die Lehrbefugnis für Philosophie. Sie unterrichtete in Chartres und Dijon, wo sie gleichzeitig Medizin studierte. 1935 trat sie eine Stelle als Gymnasiallehrerin in Paris an, lernte dort den Psychiater Daniel Lagache kennen und begab sich zu René Laforgue in die Analyse. Ihre psychiatrische Ausbildung erhielt sie am Pariser Sainte-Anne-Krankenhaus und bei dem Kinderpsychiater Georges Heuyer. 1938 promovierte sie zum Dr. med. mit einer Arbeit über den Ambivalenzbegriff und 1945 zum Dr. phil. mit einer von Gaston Bachelard betreuten und preisgekrönten Dissertation über die Angst, Contribution à la psychologie et à la métaphysique de l'angoisse (veröffentlicht u. d. T. L'angoisse).
Juliette Boutonier wurde 1946 Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP) und gündete im gleichen Jahr mit Georges Mauco das Centre psychopédagogique de Claude-Bernard, eine Einrichtung für Kinder mit Schulproblemen, deren medizinische Direktorin sie war. 1947 übernahm sie in Straßburg den Lehrstuhl für Psychologie von Daniel Lagache. Wie dieser strebte sie eine Synthese von Psychoanalyse und Psychologie an.
1952 heiratete sie den Psychoanalytiker Georges Favez (1901-1981). Ein Jahr später traten beide aus Protest gegen die Machtpolitik von Sacha Nacht und dessen Medizinisierung der Psychoanalyse aus der SPP aus, um mit Lagache, Jacques Lacan, Françoise Dolto und anderen die Société Française de Psychanalyse (SFP) zu gründen. Als deren Präsidentin kämpfte Juliette Favez-Boutonier für die Anerkennung der SFP durch die IPV, bis sie sich 1964 an der Gründung der Association Psychanalytique de France (APF) beteiligte, die ein Jahr später in die IPV aufgenommen wurde.
Von 1955 an lehrte Juliette Favez-Boutonier Psychologie an der Sorbonne. Ihr Hauptgebiet war die Klinische Psychologie, wo sie wie Lagache einen Ansatz in der Tradition von Pierre Janet vertrat. 1959 richtete sie an der Sorbonne das erste Laboratoire de psychologie clinique ein, das sie fünfzehn Jahre lang leitete, und 1969 beteiligte sie sich an der Gründung des Fachbereichs für Sciences Humaines Cliniques an der Université Paris VII. (Artikelanfang)

Marcelle Geber wurde in Pavillons-sous-Bois bei Paris geboren. Sie studierte zwischen 1936 und 1950 Medizin in Paris und spezialisierte sich u. a. bei Georges Heuyer in Psychiatrie. Geschockt von den Behandlungsmethoden in der Psychiatrie, wechselte sie zur Pädiatrie. Erst nach Kriegsende fand sie zur Psychiatrie zurück und absolvierte von 1947 bis 1950 bei Jenny Roudinesco im Pariser Ambroise-Paré-Krankenhaus eine Ausbildung zur Kinderpsychiaterin. Gemeinsam mit ihr und einem Team von John Bowlby führte Marcelle Geber von 1948 bis 1952 Untersuchungen zur mütterlichen Pflege durch. Außerdem erstellte sie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO eine vergleichende Studie zur Entwicklung von Kleinkindern in der Stadt und auf dem Land. Ab 1950 gründete sie die ersten drei Kinderberatungsstellen im Départment Aisne, die sie bis 1969 leitete. Sie war Präsidentin der Association pour la Santé Mentale de l'Enfance und von 1970 bis 1987 medizinische Direktorin des Centre Médico-Psycho-Pédagogique von Suresnes.
Bekannt wurde Marcelle Geber vor allem durch ihre vergleichenden entwicklungspsychologischen Forschungen, die sie zwischen 1954 und 1992 in Afrika unternahm. Sie begann 1954 in Uganda mit der Erforschung der psychologischen Faktoren bei der Ernährungsstörung Kwaschiorkor, wobei sie kranke mit gesunden Kindern verglich. Ihre Untersuchung der gesunden Kinder wurde Teil einer internationalen vergleichenden Langzeitstudie (an der sich auch Solange Faladé beteiligte) und von Marcelle Geber in den folgenden Jahren in mehreren afrikanischen Ländern fortgesetzt. Dabei stellte sie besonders im ersten Lebensjahr einen psychomotorischen Entwicklungsvorsprung afrikanischer Kinder gegenüber europäischen fest, wofür sie die enge körperliche Beziehung afrikanischer Mütter zu ihren Babys verantwortlich machte. In ihren Studien zur Kwaschiorkor-Erkrankung fand Geber heraus, dass diese ebenso eine Folge von Unterernährung wie einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung ist. (Artikelanfang)
Florence Guignard wurde in Genf geboren, studierte dort klinische Psychologie und war Mitarbeiterin von Jean Piaget in mehreren Forschungsprojekten. Ihre psychoanalytische Ausbildung erhielt sie in Genf bei Raymond de Saussure, Olivier Flournoy und René Spitz sowie in Paris bei Serge Lebovici, René Diatkine, Michel Fain und Pierre Luquet. Wie ihr Mann Jean Bégoin (*1925) zählt sie zu den wenigen KleinianerInnen in Frankreich. Als Mitglied (seit 1979) und Lehranalytikerin (seit 1982) der Société Psychanalytique de Paris engagiert sie sich für das Verständnis der Theorien von Melanie Klein und den Vertretern der postkleinianischen Schule wie Wilfred R. Bion, Herbert Rosenfeld und Donald Meltzer.
Florence Bégoin-Guignard lebt in Paris und arbeitet als Psychoanalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Außerdem ist sie Chefredakteurin der Zeitschrift L'Année Psychanalytique Internationale. Gemeinsam mit Annie Anzieu gründete sie 1983 die Association pour la Psychanalyse de l'Enfant und 1994 die Société Européenne pour la Psychanalyse de l'Enfant et de l'Adolescent. Zu ihren Schwerpunkten zählen Probleme der Identifizierung, Weiblichkeit und Mutterschaft, die Genese von Denkstörungen und Probleme der psychoanalytischen Technik.

Dominique Guyomard studierte Psychologie und erhielt ihre psychoanalytische Ausbildung bei Octave Mannoni und Françoise Dolto. Ein wichtiges Motiv für ihre Entscheidung, Psychoanalytikerin zu werden, war die Erfahrung, als Kind keinen Zugang zu ihrer geisteskranken Großmutter gefunden zu haben, deren Rede scheinbar ohne Sinn war. Dominique Guyomard war Mitglied der von Jacques Lacan gegründeten und 1980 aufgelösten École Freudienne de Paris. Sie gehörte zu den ersten MitarbeiterInnen des 1982 von ihrem Mann Patrick Guyomard gemeinsam mit Octave und Maud Mannoni gegründeten psychoanalytischen Ausbildungs- und Forschungszentrums CFRP. Heute ist sie Mitglied der Société de Psychanalyse Freudienne, die eine Reintegration von Freud und Lacan anstrebt und die klinischen Ergebnisse der angelsächsischen Schulen stärker berücksichtigt.
Entsprechend verortet Dominique Guyomard ihre theoretische Position zwischen Lacan auf der einen sowie Donald W. Winnicott und Melanie Klein auf der andereren Seite. Zur weiblichen Entwicklung vertritt sie die Ansicht, das weibliche Über-Ich sei ein mütterliches, und Frauen liefen stets Gefahr, aus einem Wunsch nach Allmacht heraus an die präödipale Mutter gebunden zu bleiben.

Luce Irigaray, deren Werk großen Einfluss auf die feministische Bewegung in Europa und den USA ausübte, wurde in Blaton in Belgien geboren. Sie graduierte 1955 an der katholischen Universität Löwen in Philosophie und Literaturwissenschaften und unterrichtete von 1956 bis 1959 Französisch, Latein und Griechisch in Charleroi und Brüssel. Anschließend ging sie nach Paris, um Psychologie - mit Schwerpunkt Psychopathologie - und Linguistik zu studieren. In dieser Zeit besuchte sie auch die Seminare von Jacques Lacan und wurde dessen Schülerin.
Sie machte ihre Lehranalyse bei Serge Leclaire und schloss sich der von Lacan geführten École Freudienne de Paris (EFP) an. 1968 promovierte sie in Linguistik (Le langage des déments), 1974 in Psychologie. Ihre Dissertation Spéculum de l'autre femme, eine an Jacques Derrida orientierte Dekonstruktion des Phallo- und Logozentrismus Sigmund Freuds, Jacques Lacans und der abendländischen Philosophie, brachte ihr den Ruf einer führenden feministischen Theoretikerin und europäischen Philosophin ein. Ihre seit 1970 an der Universität Vincennes ausgeübte Lehrtätigkeit wie ihre Mitgliedschaft in der EFP waren damit jedoch beendet.
Seit 1964 arbeitete Luce Irigaray am Pariser Forschungsinstitut CNRS, von 1986 an als Forschungsleiterin für Philosophie. In den 1980er Jahren führte sie hier Untersuchungen über den Unterschied zwischen Frauen- und Männersprache durch. 1982 hielt sie ein Philosophie-Seminar an der Erasmus-Universität in Rotterdam ab, aus dem zwei Jahre später die Veröffentlichung ihres Buchs Éthique de la différence sexuelle hervorging.
Neben ihrer internationalen Lehrtätigkeit und psychoanalytischen Praxis engagierte sie sich in der Frauenbewegung und arbeitete mit Frauengruppen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen. In den 1980er und 1990er Jahren konzentrierte sie sich vor allem auf die politisch-praktische Umsetzung ihrer theoretischen Annahmen.
Luce Irigarays Kritik gilt der phallozentrischen Logik der Identität, die das Weibliche als Negation des männlichen Subjekts - psychoanalytisch: als Hohlraum des Penis - auffasst. Indem sie diese spiegelbildlich strukturierte sexuelle Differenz dekonstruiert, gelangt sie zu einer Auffassung des "Weiblichen" als das radikal Andere, das sich der Definitionsmacht des Logos entzieht und zwischen den Begriffen und Bildern immer wieder neu entwirft. Nach Irgigaray wird das Mädchen durch den Objektwechsel von der Mutter zum Vater in die phallische Ordnung "ausgebürgert" und verliert so die Möglichkeit einer weiblichen Genealogie und eines weiblichen Begehrens. Der Frau bleibt als Ausweg nur die Strategie der Mimesis, indem sie sich spielerisch den Weiblichkeitsvorstellungen des männlichen Diskurses unterwirft und zugleich im "So-tun-als-ob" auf ihr Anderssein verweist. Auch die autoerotische weibliche Körpererfahrung entziehe sich den phallozentrischen binären Oppositionen. Aus all dem resultiert für Irigaray die Uneindeutigkeit und "Flüssigkeit" weiblichen Sprechens.
Während sie anfangs durch bewusste Mehrdeutigkeit eine Festlegung des Weiblichen zu vermeiden suchte, entwarf Irigaray später essentielle Formulierungen der Weiblichkeit. So plädierte sie in Ethik der sexuellen Differenz für eine nichtkomplementäre sexuelle Differenz, bei der beide Geschlechter in sich ganz und verschieden voneinander sind. Dazu müssten Frauen eine eigene Gattung erschaffen, um in weiblichen Genealogien über eine positive Mutter-Tochter-Beziehung zu einem weiblichen Subjektstatus zu gelangen. Luce Irigaray geht schließlich sogar so weit, die Notwendigkeit einer weiblichen Gottheit ins Spiel zu bringen. (Artikelanfang)

Évelyne Kestemberg wurde in Konstantinopel als Tochter eines französischen Geschäftsmanns und seiner russisch-jüdischen Frau geboren. Bald nach ihrer Geburt zogen ihre Eltern nach Paris, wo Évelyne Hassin das Gymnasium besuchte und Juliette Favez-Boutonier ihre Philosophielehrerin war. Nach dem Abschluss eines Philosophiestudiums emigrierte sie 1942 aus dem besetzten Frankreich nach Mexiko. Hier lernte sie ihren Mann Jean Kestemberg (1912-1975), kennen, der als Spanienkämpfer und polnischer Jude ebenfalls vor den Nationalsozialisten geflohen war.
1945 kehrten Évelyne und Jean Kestemberg nach Frankreich zurück. Sie traten in die Kommunistische Partei ein und begannen beide eine psychoanalytische Ausbildung. Als die Parteiführung von ihren Mitgliedern eine Distanzierung von der Freudschen Lehre verlangte, unterzeichneten sie ebenso wie Serge Lebovici 1949 ein Manifest, das die Psychoanalyse als reaktionäre Ideologie verurteilte. Später distanzierten sie sich davon und traten aus der KPF aus.
Évelyne Kestemberg machte ihre Lehranalyse bei Marc Schlumberger und wurde 1953 Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP). Im gleichen Jahr adoptierten die Kestembergs ein kleines Mädchen, Catherine, die später ebenfalls Psychoanalytikerin wurde. 1963 wurde Évelyne Kestemberg, obwohl sie keine Ärztin war, zur Lehranalytikerin ernannt.
Sie arbeitete als Kinderanalytikerin am Centre psychopédagogique Claude-Bernard und beteiligte sich am Aufbau des Centre Alfred-Binet, einer von Serge Lebovici und René Diatkine 1956 gegründeten psychiatrischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche. 1966 war sie Mitinitiatorin der Europäischen Psychoanalytischen Vereinigung, und von 1971 bis 1973 amtierte sie als Präsidentin der SPP. Nach dem Tode ihres Mannes führte sie dessen Arbeit am Centre de psychanalyse et de psychothérapie du XIIIe für psychotische Patienten fort, das sie bis 1988 leitete.
Évelyne Kestembergs Werk ist von der Ich-Psychologie geprägt. Sie integrierte Techniken der Gruppenpsychotherapie in ihre analytische Arbeit und begründete gemeinsam mit Diatkine, Lebovici und anderen eine eigenständige psychoanalytische Psychodrama-Schule. In ihren Veröffentlichungen widmete sie sich besonders den Problemen von Jugendlichen, der Anorexie und den "kalten Psychosen", d. h. psychischen Störungen, für die zwar eine Ich-Spaltung, aber keine Wahnvorstellungen charakteristisch sind.
Den Begriff der kalten Psychose stellten Jean und Évelyne Kestemberg und Simone Decobert in ihrem Buch La faim et le corps vor, das von der mentalen Anorexie handelt, dem Modell für diesen Psychosetypus. Bei der Anorexie wird der reale Körper verneint und stattdessen als ein irreales unerreichbares Objekt idealisiert. An die Stelle der befriedigenden Einverleibung tritt die Lust des Hungers und der Leere. Das Ich ist bei der kalten Psychose vom Idealich vereinnahmt, das äußere Objekt nur dessen Projektion. Zu diesem Objekt ist lediglich eine fetischistische Beziehung möglich. (Artikelanfang)

Julia Kristeva, eine der bedeutendsten TheoretikerInnen des Poststrukturalismus in Frankreich, wurde in Sliwen in Bulgarien als Tochter eines Kirchenbuchhalters geboren. Sie studierte an der Universität Sofia Sprachwissenschaft, bevor sie 1965 nach Paris ging und dort 1968 bei Lucien Goldmann mit einer Arbeit über Le texte du roman promovierte.
1965 schloss sie sich der Gruppe um die Jacques Derrida nahestehende Literaturzeitschrift Tel Quel an, deren Herausgeber Philippe Sollers (*1936) sie 1967 heiratete. Von 1970 bis zur Einstellung des Blattes 1983 gehörte sie der Redaktion als ihr führender Kopf an. Die Tel Quel-Gruppe pflegte enge Kontakte zur Kommunistischen Partei, in der Hoffnung, die ästhetische Avantgarde mit einer revolutionären politischen Bewegung verbinden zu können. 1974 reiste Julia Kristeva mit der Gruppe in das maoistische China (ABB.) und verglich anschließend in ihrem Buch Die Chinesin die Rolle der Frau in der Kultur Chinas mit der in der westlichen Welt.
Nach der Veröffentlichung ihrer Habilitationsschrift La révolution du langage poétique im Jahr 1974 lehrte Julia Kristeva als Professorin für Textwissenschaft an der Universität Paris VII. Während dieser Zeit absolvierte sie auch ihre psychoanalytische Ausbildung, wurde Mitglied der Société Psychanalytique de Paris und praktiziert seit 1979 als Psychoanalytikerin. Ungeachtet ihres dekonstruktivistischen Theorieansatzes ist sie eine klassische Freudianerin.
Kristevas theoretischer Schwerpunkt ist die Untersuchung sozialer Symbolsysteme. Mit Hilfe der Psychoanalyse und einer sich selbst reflektierenden strukturalistischen Sprachwissenschaft beschreibt sie die unbewussten Mechanismen der symbolischen Strukturen, deren wichtigste die Sprache ist. Für sie ist das Symbolische kein feststehendes System, sondern ein Prozess, der nur funktioniert, indem er etwas ausgrenzt, das sie mit Lacan als das Weibliche identifiziert. Dieses unterminiert die Strukturen und entzieht sich jeder positiven Festlegung.
In ihrer umfassendsten theoretischen Arbeit über Die Revolution der poetischen Sprache, durch die sie international bekannt wurde, hat Julia Kristeva ausgehend von der Poesie Lautréamonts und Mallarmés sowie den Theorien Freuds und Lacans die Grundzüge ihres schwierigen Denkgebäudes entwickelt. Sie entwirft ein Denken der Heterogenität, indem sie mit Begriffen wie "das Semiotische", "Intertextualität" und "Subjekt im Prozess" die scheinbare Geschlossenheit der durch den Phallus strukturierten symbolischen Ordnung aufbricht und die Spur des Präsymbolischen - der körperlichen Basis von Sprechen und Begehren - im Symbolischen sichtbar macht.
Das Unbewusste ist ihrer Ansicht nach nicht nur, wie Lacan postuliert hat, aus Sprache gemacht, sondern es enthält auch Erinnerungen an Vorsprachliches aus dem frühesten kindlichen Entwicklungsstadium. Ein solches zunächst undifferenziertes, dann durch Triebbesetzungen akzentuiertes Vorsymbolisches nennt Kristeva die semiotische mütterliche "chora". Nach dem Eintritt in die symbolische Ordnung bleibt das Ich weiterhin den Erschütterungen durch das Semiotische ausgesetzt, was sowohl die Gefahr der Psychose als auch die Quelle von Kreativität in sich birgt.
Kristevas spätere Veröffentlichungen sind anschaulicher und persönlicher. In einer ihrer jüngsten Publikationen, einer Trilogie über Das weibliche Genie, zeigt sie am Beispiel von Hannah Arendt, Melanie Klein und Colette, wie es diesen Frauen gelang, gesellschaftliche, lebensgeschichtliche und biologische Zwänge zu überwinden und die Freiheit zu Individualität und schöpferischem Werk zu erlangen. (Artikelanfang)
Paulette Erikson, die Tochter eines Apothekers im elsässischen Colmar, war Lehrerin und verkehrte Anfang der 1920er Jahre in der Straßburger theosophischen Gesellschaft. Hier begegnete sie René Laforgue (1894-1962), Psychiater und später Mitgründer und Präsident der Société Psychanalytique de Paris (SPP), den sie 1922 heiratete. Sie zogen nach Paris, wo René Laforgue eine Analyse bei Eugénie Sokolnicka begann. 1925 musste sich Paulette Laforgue einer Hysterektomie unterziehen und konnte danach keine Kinder mehr bekommen. Auf Betreiben ihres Mannes machte sie ebenfalls eine Analyse bei der Sokolnicka und beschloss Psychoanalytikerin zu werden. Sie absolvierte ihre Kontrollanalyse bei Heinz Hartmann und wurde Mitglied der SPP. Wie Marie Bonaparte und Anne Berman beteiligte sich die zweisprachig aufgewachsene Paulette Laforgue in den 1920er Jahren an der Übersetzung der Texte Sigmund Freuds ins Französische. 1938 wurde die Ehe von Paulette und René Laforgue geschieden.
Die französische Psychoanalytikerin Ruth Lebovici wurde im Elsass als Tochter jüdischer Eltern geboren. Sie war zunächst Mathematiklehrerin und heiratete 1942 Serge Lebovici (1915-2000), den späteren Psychiater, Psychoanalytiker und IPV-Präsidenten. Ihre Töchter Marianne und Élisabeth wurden 1943 und 1953 geboren. Geschützt durch die Résistance überlebten Ruth und Serge Lebovici die deutsche Besatzungszeit. Beide waren nach der Befreiung 1945 eine Zeitlang Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs - wie auch Jean und Évelyne Kestemberg.
Nach dem Krieg entschloss sich Ruth Lebovici Psychoanalytikerin zu werden. Sie machte eine Lehranalyse bei Marc Schlumberger und wurde wie ihr Mann Mitglied der Société Psychanalytique de Paris. Besonders bekannt geworden ist ihr Bericht über einen Fall von vorübergehender sexueller Perversion im Laufe einer psychoanalytischen Behandlung (Perversion sexuelle transitoire au cours d'un traitement psychanalytique), den Jacques Lacan 1956/57 in seinem Seminar diskutierte.

Die französiche Kinderanalytikerin Rosine Lefort, Tochter der bekannten Journalistin Geneviève Tabouis, begann 1950 eine Analyse bei Jacques Lacan. Gleichzeitig absolvierte sie ein Praktikum bei der Fondation Parent de Rosan in Paris, einer öffentlichen Einrichtung, in der Kinder ohne Mütter für begrenzte Zeit untergebracht wurden. Im Rahmen einer von Jenny Aubry durchgeführten Untersuchung des Hospitalismus-Phänomens behandelte Rosine Lefort ab 1951 mehrere psychotische und autistische Kleinkinder: Nadia, Marie-Françoise, das "Wolfskind" Robert und Maryse. Deren Fallgeschichten, die sie zum Teil (Nadia und Robert) in Lacans Seminar vorstellte, gelten als beispielhaft für die klinische Anwendung Lacanscher Kategorien.
Rosine Lefort arbeitete eng mit ihrem Mann, dem Psychoanalytiker Robert Lefort (†2007), zusammen, gemeinsam veröffentlichten sie mehrere Bücher. Rosine Leforts Fallberichte verdeutlichen die existentielle Funktion des Signifikanten bei der Selbstwerdung eines Menschen. Psychotiker sind der Lacanschen Terminologie zufolge dem unvermittelten Realen ausgeliefert und von jeder Strukturbildung, die über den Signifikanten des Anderen verläuft, abgeschnitten. Die Analyse des präverbalen infans ist nach Lefort besonders geeignet zu zeigen, dass das Subjekt, bevor es redet, "im Anderen redet", wo es noch vor jedem Signifikat seinen signifikanten Ort findet.
Rosine Lefort war Mitglied der École de la Cause freudienne und zählte 1982 zu den InitiatorInnen des Centre d'étude et de recherche sur l'enfant dans le discours analytique (Cereda), eines internationalen Netzwerks der lacanianischen Kinderanalyse.

Anne Levallois war Juristin, bevor sie sich Anfang der 1960er Jahre der Psychologie, Anthropologie und Psychoanalyse zuwandte. Die Mutter von drei Kindern (ihr Ehename war Colot) beteiligte sich damals an Alphabetisierungs-Kampagnen im Senegal. Sie begann ein Psychologiestudium in Dakar, wo sie eine Schülerin des Philosophen Edmond Ortigues wurde und mit Marie-Cécile Ortigues an der psychiatrischen Klinik Fann zusammenarbeitete.
Zurück in Paris legte sie ihr Diplom in Klinischer Psychologie ab und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung. Ihr Lehranalytiker war Serge Leclaire. Sie untersuchte zusammen mit Myriam David und anderen die Beziehung alleinstehender Mütter zu ihrem ersten Kind und arbeitete dann als Psychologin in einer Institution der Heilsarmee für alleinstehende Mütter. 1972 eröffnete sie eine psychoanalytische Praxis in Paris; in diese Zeit fiel auch ihre Ehescheidung. Anne Levallois war Lacanianerin und Mitglied der École Freudienne de Paris, gehörte aber in deren Auflösungsphase zu den Kritikerinnen Jacques Lacans. 1980 beteiligte sie sich an der Gründung des Collège de psychanalystes, dessen Vizepräsidentin (1980-1984) und Präsidentin (1985-1987) sie war. Von 1983 bis 1985 leitete sie die Redaktion der Zeitschrift Psychanalystes.
Anne Levallois interessierte sich besonders für die Beziehungen zwischen Psychoanalyse, Biographie und Geschichte. Gemeinsam mit dem Historiker Michel Levallois erforschte sie das Leben ihres Urgroßonkels Ismaÿl Urbain, Sohn eines Franzosen und einer Guyanerin, der Saint-Simonist war, zum Islam konvertierte und Berater Napoleons III. wurde. In ihrer Studie über Urbain beschrieb Anne Levallois die Auswirkungen traumatisierender sozialer Bedingungen auf die Subjektwerdung.
Weitere Schwerpunkte Anne Levallois' waren Übertragungsphantasien und die Signifikanten des Weiblichen. Eine Sammlung ihrer Texte aus den Jahren 1974 bis 2005 erschien posthum unter dem Titel Une psychanalyste dans l'histoire.

Maud Mannoni wurde als Magdalena van der Spoel in Courtrai in Belgien geboren. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Colombo auf Ceylon, wo ihr Vater Generalkonsul der Niederlande war. Als die Familie 1929 nach Europa zurückkehrte, bedeutete dies für die sechsjährige Magdalena den Verlust eines Kindheitsparadieses. Sie verlernte ihre Muttersprache Englisch und das Singalesisch ihrer Amme, während sie bei ihrem französisch sprechenden Großvater lebte und dann am ungeliebten neuen Wohnort Amsterdam Holländisch lernen musste. Diese Erfahrungen prägten Maud Mannonis zentrale Frage: Wie kann man wieder an die verlorene Sprache der Kindheit anknüpfen?
Nach dem Besuch einer Ordensschule in Antwerpen studierte Magdalena van der Spoel in Brüssel Kriminologie. Während der Kriegsjahre arbeitete sie an einer psychiatrischen Klinik mit psychotischen Jugendlichen und beschloss, Psychoanalytikerin zu werden. Sie machte ihre Lehranalyse bei Maurice Dugautiez, dem Begründer der Association des Psychanalystes de Belgique (später Société Belge de Psychanalyse), in die sie 1948 aufgenommen wurde. Noch im selben Jahr ging sie nach Paris und setzte ihre Ausbildung am Trousseau-Krankenhaus bei der Kinderanalytikerin Françoise Dolto fort. In Paris heiratete sie 1948 den Philosophen und Psychoanalytiker Octave Mannoni (1899-1989), ein Analysand Jacques Lacans und politisch engagierter Linksintellektueller. Gemeinsam mit ihrem Mann setzte sich Maud Mannoni Anfang der 1960er Jahre für die Unabhängigkeit Algeriens ein.
Nachdem sie 1950 Jacques Lacan begegnet war, machte bei ihm eine zweite Analyse und wurde Lacanianerin. Zunächst Mitglied der Société Française de Psychanalyse, folgte sie 1964 Lacan in die École Freudienne de Paris (EFP). Während eines Aufenthalts in England lernte sie die Ansätze Donald W. Winnicotts und Melanie Kleins kennen und kam durch Ronald D. Laing mit den Vorstellungen der Antipsychiatrie in Berührung. Sie teilte jedoch Laings radikale antiinstitutionelle Haltung nicht, sondern entwickelte ihre eigene Idee der "gesprengten Institution" ("institution éclaté"), d. h. einer Institution, die sich gegenüber der Außenwelt öffnet und zugleich ein geschützter Ort bleibt.
Ihre Vorstellungen verwirklichen konnte Mannoni, als sie 1969, gemeinsam mit Robert Lefort, in Bonneuil-sur-Marne eine heilpädagogische Versuchsschule für psychotische, zurückgebliebene und verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche gründete - das einzige Projekt in Frankreich nach dem Vorbild der englischen Antipsychiatrie. Als dessen Leiterin setzte sie auf der Grundlage der Lacanschen Psychoanalyse antipsychiatrische Ideen und Winnicotts Konzept der "fördernden Umwelt" in die Tat um.
Maud Mannoni sah im gestörten Kind das Sprachrohr einer dysfunktionalen Familie, deren Geschichte in seinen Symptomen und Ausdrucksformen eingeschrieben ist. Die pathogene Entwicklung werde außerdem durch gesellschaftliche Ausschlussmechanismen verstärkt. In Bonneuil wurden die Kinder dazu ermutigt, ihre Ängste, destruktiven Gefühle und Phantasien zu äußern. Dabei spielte die Förderung der Fähigkeit zu kreativem Spiel eine zentrale Rolle, um Trennung und Verlust zu verarbeiten. Mannonis Ziel war es, das Kind aus seiner Verstrickung in die Ängste und Wünsche des Anderen, in erster Linie der Mutter, zu befreien, indem sie ihm half, seine eigene Sprache in der symbolischen Ordnung zu finden.
1982, zwei Jahre nach der Auflösung der EFP, gründete Maud Mannoni zusammen mit Octave Mannoni und Patrick Guyomard das psychoanalytische Ausbildungs- und Forschungszentrum CFRP in Paris. Als 1994 das CFRP auseinanderbrach, setzte Maud Mannoni ihre Arbeit in ihrer eigenen Gesellschaft Éspace analytique fort, deren Präsidentin sie bis zu ihrem Tod war. Maud Mannoni starb im Alter von 75 Jahren an einem Herzstillstand. (Artikelanfang)

Foto: Jacques Sassier
© Éditions Gallimard
Joyce McDougall wurde als die ältere von zwei Töchtern in Dunedin in Neuseeland geboren. Ihr Vater, der Kaufmann Harold Carrington, war Neuseeländer, ihre Mutter Lillian Blackler Engländerin. Joyce Carrington studierte Psychologie in Dunedin und arbeitete dann als Berufs- und Familienberaterin in Dunedin und Auckland. 1941 heiratete sie den Lehrer Jimmy McDougall (†1996), 1942 wurde ihr Sohn Martin, drei Jahre später ihre Tochter Rohan geboren.
1950 übersiedelte die Familie nach England. Joyce McDougall begann in London eine kinderanalytische Ausbildung bei Anna Freud und eine Analyse bei John Pratt. Sie lernte Donald W. Winnicott kennen, an dessen Kurs über die Psychosexualität der Frau sie teilnahm. Als ihr Mann 1952 eine Stelle bei der Unesco erhielt, zog sie mit ihrer Familie nach Paris, wo sie ihre Ausbildung bei der Société Psychanalytique de Paris (SPP) fortsetzte. Sie machte eine Lehranalyse bei Marc Schlumberger und wurde 1961 Lehr- und Kontrollanalytikerin der SPP, 1969 wissenschaftliche Sekretärin. Eine weitere Analyse absolvierte sie bei Michel Renard.
Anfang der 1950er Jahre begegnete sie dem amerikanischen Schriftsteller und Psychoanalytiker Sidney Stewart (1920-1997), der nach der Trennung von Jimmy McDougall ihr zweiter Lebensgefährte wurde. Sie eröffnete eine kindertherapeutische Praxis und führte 1954/55 unter der Supervision von Serge Lebovici die Analyse des neuneinhalbjährigen schizophrenen Sammy durch, dessen Fallgeschichte durch ihr Buch Eine infantile Psychose bekannt wurde.
Joyce McDougalls Werk wurde vor allem von Donald Winnicott und Jacques Lacan beeinflusst. Zu ihren Schwerpunkten zählen weibliche Homosexualität - erstmals behandelt in ihrem Aufsatz Über die weibliche Homosexualität -, Probleme der sexuellen Identität und der Kreativität sowie psychosomatische Störungen.
In ihrem ersten Buch Plädoyer für eine gewisse Anomalität schlug sie eine viel beachtete Revision der Freudschen Auffassung der Perversion vor. Die herkömmliche Dreiteilung in Neurose, Psychose und Perversion hielt sie für zu starr, um sexuelle Störungen zu erklären, die mit narzisstischen Beeinträchtigungen des Selbst verbunden sind. Statt von Perversion sprach sie von "Neosexualitäten", worunter sie kreative sexuelle Lösungen verstand, die Versuche der Selbstheilung darstellen. Überzeugt, dass jedes sexuelle Verhalten, mag es noch so befremdlich wirken, im Dienste des psychischen Überlebens steht, plädierte sie dafür, "abweichendes" sexuelles Verhalten zu akzeptieren und nicht in der Analyse einer Norm anzupassen.
Die psychische Innenwelt erscheint bei Joyce McDougall als Theaterbühne, auf der sich die narzisstischen und ödipalen Dramen abspielen. Die Metapher des inneren Theaters entwickelte sie vor allem in ihren Büchern Theater der Seele und Theater des Körpers, wobei sie sich auf Melanie Klein und Piera Aulagnier bezog. (Artikelanfang)
Ihr Buch Die Couch ist kein Prokrustesbett ist den vielfältigen, auf der angeborenen Bisexualität beruhenden Formen menschlicher Sexualität gewidmet. So bedeutet z. B. weibliche Homosexualität für McDougall keine pathologische Abweichung: Homosexuelle Wünsche des Mädchens gegenüber der Mutter seien Bestandteil der weiblichen Entwicklung und erfahren im Leben hetero- oder homosexueller Frauen lediglich unterschiedliche Ausgestaltungen.
Joyce McDougall, die Mitglied des Center for Advanced Psychoanalytic Studies und der New York Freudian Society war, veröffentlichte neben ihren Büchern zahlreiche Aufsätze in psychoanalytischen Zeitschriften und Fachbüchern. Sie starb im Alter von 91 Jahren in London.

Die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Catherine Millot wurde im französischen Département Ain geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in den Hauptstädten Europas, wo ihr Vater als Botschafter akkreditiert war. Nach einem Philosophiestudium an der Pariser Sorbonne begann sie 1971 eine achtjährige Analyse bei Jacques Lacan. Sie wurde Mitglied der École Freudienne de Paris und später der École de la Cause freudienne (ECF), wo sie eine Kontrollanalyse bei Michel Silvestre und eine zweite Analyse bei Brigitte Lemérer absolvierte. 1989 trat sie aus der ECF aus.
Bereits durch ihre 1979 unter dem Titel Freud anti-pédagogue veröffentlichte Doktorarbeit wurde Catherine Millot über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. Darin vertrat sie die Ansicht, dass eine Pädagogik, die sich auf Psychoanalyse gründet, in eine Sackgasse geraten muss, da die Position des Kinderanalytikers unvereinbar sei mit der des Pädagogen. Ein Pädagoge könne kein neutraler Spiegel sein, sondern vermittle immer bewusst oder unbewusst eine Erziehungsabsicht. Im Unterschied zur Pädagogik habe die Psychoanalyse keine Sicherheiten und Problemlösungen anzubieten, es sei denn die Erkenntnis eines unüberwindlichen Mangels und damit die Befreiung aus der Abhängigkeit vom Blick des Anderen. Dass Leere und Selbstverlust Quellen innerer Ruhe und Erneuerung sein können, beschrieb Catherine Millot in ihrem teilweise autobiografischen Buch Abîmes ordinaires.
Viel beachtet werden auch Millots Thesen zur Transsexualität. So zeigt sie in Horsexe, dass Transsexualität bei einer Frau eher auf einen hysterischen Prozess verweist, während sie beim Mann aus einer psychotischen Identifikation mit der idealen Frau, d. h. mit einer unerreichbaren Vollkommenheit, resultiert.
Weitere Schwerpunkte Catherine Millots sind die Bedingungen literarischer Kreativität sowie Perversion bzw. Homosexualität in der Literatur. Neben ihren Büchern veröffentlichte sie zahlreiche Artikel in den lacanianischen Zeitschriften Sicilet und Ornicar?. Seit 1975 lehrt Catherine Millot Psychoanalyse an der Université Paris VIII.
Michèle Montrelay studierte Philosophie und arbeitete als Graphologin und Mannequin, bevor sie Psychoanalytikerin wurde. Sie machte eine Lehranalyse bei Serge Leclaire und wurde 1965 Mitglied der von Jacques Lacan geführten École Freudienne de Paris (EFP). Im gleichen Jahr trug sie in Lacans Seminar ein Referat über Marguerite Duras' Roman Le Ravissement de Lol V. Stein vor, das den Beginn ihrer theoretischen Auseinandersetzung mit der Weiblichkeit markierte. 1970 erschien dann in der von Jacques Derrida herausgegebenen Zeitschrift Critique ihr wegweisender Beitrag Recherches sur la féminité. Darin greift Montrelay aus strukturalistisch-psychoanalytischer Perspektive die Freud/Jones-Kontroverse der 1920er Jahre über die Weiblichkeit wieder auf und entwirft ihr Konzept einer primären "konzentrischen" (zirkulär oral-anal-vaginalen) Weiblichkeit.
Michèle Montrelay zeigt, dass Mädchen sich nicht wie Jungen vom Körper der Mutter differenzieren können, da dieser bei ihnen "am eigenen Leibe" im Realen präsent bleibt. Die symbolische Kastration, d. h. der Ausschluss des mütterlichen Körpers als Lustobjekt und die mit dieser Verdrängung einsetzende Symbolbildung, ist daher bei der Frau unvollständig. Daraus resultiert eine konzentrische psychische Ökonomie, die nach Montrelay durch eine Überfülle im Realen und den Leerlauf der Repräsentationen gekennzeichnet ist. Statt des Mangels, der die Ökonomie des Wünschens und Sprechens begründet, ist ein Objekt zu viel und die symbolische Ordnung nur Fassade. Die privilegierte Beziehung zum Körper bedeutet jedoch auch eine angstauslösende zu große Nähe zu den Objekten. Erst durch den Wechsel in die phallozentrische Ökonomie, indem der phallische Signifikant an die Stelle der konzentrischen Repräsentationen der Weiblichkeit tritt, gelangt diese als verdrängte zur Symbolisierung.
Michèle Montrelays Beiträge zur Weiblichkeit, die über den Phallozentrismus Lacans hinausgehen, wurden 1977 unter dem Titel L'ombre et le nom veröffentlicht. Als sie 1979 im Lacan-Institut an der Universität Vincennes ein Seminar über männliche Sexualität abhalten wollte, verweigerte Lacan ihr seine Zustimmung mit der Begründung, Frauen, die nicht gänzlich von der phallischen Funktion durchdrungen seien, könnten darüber auch nichts aussagen. (Artikelanfang)
Nachdem Lacan 1980 die EFP aufgelöst hatte, gehörte Michèle Montrelay keiner psychoanalytischen Gruppierung mehr an. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Paris.

Sophie Morgenstern war eine Pionierin der Kinderpsychoanalyse in Frankreich. Sie wurde als Tochter jüdischer Eltern in Grodno in Polen geboren und ging 1906 nach Zürich, um Medizin zu studieren. 1912 schloss sie ihr Studium mit einer Dissertation Über einige mineralische Bestandteile der Schilddrüse ab. Sie verbrachte die nächsten Jahre in Russland und Polen, kehrte jedoch 1915 nach Zürich zurück, wo sie als Assistenzärztin an der von Eugen Bleuler geleiteten psychiatrischen Klinik Burghölzli arbeitete. 1924 zog sie nach Frankreich und war von 1925 bis zu ihrem Tod Assistentin von Georges Heuyer an dessen kinderpsychiatrischen Klinik in Paris.
Nachdem sie eine Lehranalyse bei Eugénie Sokolnicka gemacht hatte, wurde Sophie Morgenstern 1929 ordentliches Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP). Seit 1934 hielt sie am Institut der SPP Vorlesungen über kindliche Neurosen. Sie gehörte außerdem der Gruppe Évolution psychiatrique an. Ihre berühmteste Schülerin war Françoise Dolto.
Wie Anna Freud nahm Sophie Morgenstern an, dass die Neurosen von Kindern die gleiche Struktur und dieselben Ursachen aufweisen wie die von Erwachsenen. In ihrem 1927 veröffentlichten Aufsatz Un cas de mutisme psychogène über den Fall eines Kindes, das an psychisch bedingter Stummheit litt, beschrieb sie den Einsatz von Kinderzeichnungen als neue Behandlungstechnik. Kinderzeichnungen könnten ebenso wie die Träume und freien Assoziationen Erwachsener Auskunft über das Unbewusste und die seelischen Konflikte des Kindes geben - eine Ansicht, die zu ihrer Zeit noch wenig geläufig war. Die symbolische Bedeutung der Produkte kindlicher Phantasie war auch das Thema von Morgensterns 1937 veröffentlichtem Hauptwerk Psychanalyse infantile, das sie ihrer Tochter Laure widmete.
Sophie Morgenstern war bereits während ihres Studiums mit Abraham Morgenstern verheiratet, der vor ihr starb. Den Tod ihrer einzigen Tochter Laure infolge eines chirurgischen Eingriffs hatte sie nie verwunden. Nach dem Überfall auf Polen musste sie erfahren, dass ihre Familie in Lvov von den Nationalsozialisten umgebracht worden war. Einen Tag nachdem die deutschen Truppen Paris besetzt hatten, nahm Sophie Morgenstern sich das Leben. (Artikelanfang)

Marie Moscovici stammt aus einer polnisch-jüdischen Familie, die kurz vor ihrer Geburt nach Frankreich emigriert war und dort die deutsche Besatzungszeit unter falschem Namen überlebte. Marie Bromberg studierte Psychologie und Philosophie an der Sorbonne und besuchte Lehrveranstaltungen von Maurice Merleau-Ponty, Claude Lévi-Strauss und Jacques Lacan. Sie war Forschungsmitarbeiterin am CNRS, als sie den aus Rumänien stammenden Sozialpsychologen Serge Moscovici (*1925) heiratete, mit dem sie zwei Söhne hat. Der älteste Sohn Pierre, heute ein bekannter Poltiker, wurde 1957 geboren.
1965 promovierte Marie Moscovici mit einer Dissertation über gesellschaftliche Veränderung und Familienstruktur. Sie wurde Mitglied der Association Psychanalytique de France und war Mitarbeiterin der Cahiers de Confrontation und der Novelle Revue de Psychanalyse, bevor sie 1982 mit Jean-Michel Rey die Zeitschrift L'Écrit du temps ins Leben rief. 1994 gründete sie gemeinsam mit Pierre Fédida und Patrick Lacoste L'Inactuel, eine Zeitschrift für "unzeitgemäße Betrachtungen" zu Psychoanalyse und Kultur, deren Herausgeberin Marie Moscovici ist.
Der Begriff des Unzeitgemäßen, verstanden als das Fortdauern eines vergangenen Geschehens im Unbewussten, gehört zu den zentralen Themen Marie Moscovicis. Anknüpfend an die Gedanken Sigmund Freuds zu Mord, Krieg und Gewalt, befasst sie sich mit der Einschreibung historischer Ereignisse in individuellen Geschichten und deren unbewusste Überlieferung von einer Generation zur nächsten.

Gisela Pankow wurde in Düsseldorf geboren und wuchs in einem liberalen anti-faschistischen Elternhaus auf. Sie studierte Mathematik und Physik (plus Geographie und Philosophie) in Berlin, arbeitete dann als Privatlehrerin und Statistikforscherin, bevor sie 1943 ihr Medizinstudium in Tübingen beginnen konnte. Dort beteiligte sie sich ab 1946 an den konstitutionsbiologischen Forschungen Ernst Kretschmers, dessen Assistentin sie nach ihrer Promotion 1949 wurde. 1950 ging sie nach Paris, wo sie ihre Forschungsarbeit am Hôpital de la Pitié und an der medizinischen Fakultät der Pariser Universität fortsetzte und dort 1953 den Doktorgrad erwarb.
Noch in Tübingen begann Gisela Pankow 1944 ihre psychoanalytische Ausbildung. Sie machte eine Analyse bei Luise Weizsäcker, danach bei der anthroposophisch orientierten Jungianerin Käthe Weizsäcker-Hoss - beide Mitarbeiterinnen am Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie - und schließlich bei Ernst Blum in Bern. In Frankreich ließ sie ihre Fälle von Jacques Lacan, Daniel Lagache und Françoise Dolto kontrollieren und wurde Mitglied der Société Française de Psychanalyse (SFP).
Von einer Vortragsreihe in Australien und einem Jahr Forschungs- und Lehrtätigkeit in den USA 1957 nach Frankreich zurückgekehrt, gründete Gisela Pankow im Jahr darauf in Paris ihr Privatseminar zur Psychothérapie analytique des psychoses. 1960 trat sie aus der SFP aus, blieb aber als DPV-Mitglied in der IPV. Sie lehrte in Paris an der Universität Saint-Antoine (1957-1981) und der Sainte-Anne-Klinik (1981-1992) sowie an der Universität Bonn (1960-1970).
Gisela Pankows Spezialgebiet waren die Psychosen, wobei sie den freudianischen Ansatz durch einen phänomenologischen ergänzte. Im Zentrum ihrer Theorie steht das Konzept des "Körperbilds", das sich auf Françoise Doltos Idee vom unbewussten Körperbild bezieht. Nach Pankow erfüllt das Körperbild zwei wichtige Symbolfunktionen: Die erste betrifft das Erkennen der räumlichen und formalen Struktur (die dialektische Beziehung von Innen und Außen, Teil und Ganzem), die zweite bezieht sich auf Sinn und Inhalt dieser Struktur. Das Körperbild ist die Grundlage für das Ich und seine Beziehung zum Anderen.
Bei Psychotikern ist das Körperbild gestört, wobei sich die Störung der Formerkennungsfunktion, die für die "Kernpsychosen" (Schizophrenie] typische Dissoziation, erheblich gravierender auswirkt als die Beeinträchtigung der Inhaltsfunktion bei den. "Randpsychosen" (hysterische Psychosen). Das Ziel der Therapie besteht in der Wiederherstellung der symbolischen Strukturen des Körperbilds durch die Reintegration des Abgespaltenen. Dazu entwickelte Gisela Pankow eine besondere Technik, indem sie das Modellieren mit Plastilin in ihre Arbeit miteinbezog. (Artikelanfang)
Die französische Psychoanalytikerin Catherine J. Luquet-Parat ist Mitglied der Société Psychanalytique de Paris. 1972 gründete sie gemeinsam mit Pierre Marty, Michel d'Uzan, Michel Fain, Denise Braunschweig und Christian David das Institut de Psychosomatique de Paris. Einer ihrer Analysanden war André Green, der ihr seine berühmte Arbeit La mère morte widmete.
Zu den Schwerpunkten Catherine Parats zählen die weibliche Sexualität, die Funktion des Ödipuskomplexes, die wichtige Rolle des Affekts sowie Fragen der Technik. Eine Sammlung ihrer Arbeiten erschien 1995 unter dem Titel L'affect partagé. In einem ihrer früheren Aufsätze, Le changement d'objet, veröffentlicht 1964 in dem klassischen Band Recherches psychanalytiques nouvelles sur la sexualité féminine (Psychoanalyse der weiblichen Sexualität), behandelte sie den Objektwechsel des Mädchens von der Mutter zum Vater. Von einem kleinianischen Ansatz ausgehend, hob sie besonders die normale feminin-masochistische Bewegung zum Zeitpunkt des Ödipuskomplexex hervor, die der Abwehr von älteren aktiven, auf den Penis des Vaters gerichteten sadistischen Triebe dient. Durch die aktive Übernahme der passiven Rolle gegenüber dem Objekt entsteht, so Parat, die spezifisch weibliche Empfangsbereitschaft.
Besonders bekannt geworden ist Catherine Parats Begriff der "basalen Übertragung" ("transfert de base"), womit sie eine spontane positive Besetzung des Analytikers durch den Patienten meint, die mit der Freud'schen narzisstischen Objektwahl verwandt ist.

Die französische Psychiaterin und Psychoanalytikerin Ginette Raimbault wurde in Algier geboren. Nach einem Masterabschluss an der Columbia Universität in New York studierte sie Psychologie (Diplom 1949) und Medizin in Paris und promovierte 1956 mit einer Dissertation über die natürliche Geburt. Parallel zu ihrem Studium absolvierte sie eine psychoanalytische Ausbildung und machte eine Analyse bei Jacques Lacan. 1951 wurde sie Mitglied der Société psychanalytique de Paris, wechselte nach deren Spaltung 1953 zur Société française de psychanalyse und schließlich zur lacanianischen École Freudienne de Paris.
Ihre psychiatrische Ausbildung begann Ginette Raimbault bei Jenny Aubry, mit der sie zwanzig Jahre lang zusammenarbeitete. 1954 lernte sie Michael Balint kennen und begeisterte sich für dessen Ideen ebenso wie ihr Mann, der Psychoanalytiker Émile Raimbault (1923-1998). 1960 nahm sie an Balints Seminar an der Tavistock-Klinik in London teil und gründete danach zusammen mit ihrem Mann eine der ersten Balint-Gruppen in Frankreich. 1971 erhielt sie ihre Zulassung als Psychiaterin. Seit 1961 arbeitete sie am Institut national des sciences et de la recherche médicale (INSERM) in Paris, wo sie von 1985 bis zu ihrer Pensionierung 1990 Forschungsdirektorin war.
Ginette Raimbaults Interesse galt besonders der Psychologie des kranken Kindes. Sie arbeitete von 1965 an mit sterbenden Kindern am Hopital des Enfants-Malades in Paris und veröffentlichte mehrere Bücher über Themen wie Trauer, Krankheit und Tod aus der Sicht von Kindern und Eltern. In ihrem Buch Lorsque l'enfant disparaît (Trauernde Eltern) zum Beispiel näherte sie sich der traumatischen Erfahrung von Eltern, ein Kind verloren zu haben, über Texte bekannter Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhundertes an und analysierte die verschiedenen Stadien und Formen der Trauerarbeit.(Artikelanfang)
Die in Paris geborene Blanche Reverchon studierte Philosophie und Medizin und spezialisierte sich bei Joseph Babinski in der Neurologie. Sie war Psychiaterin in Genf, als sie 1921 den Schriftsteller Pierre Jean Jouve (1887-1976) kennenlernte. Sie ließen sich 1923 in Paris nieder und heirateten zwei Jahre später. In dieser Zeit erwarb Blanche Reverchon-Jouve ihren Doktortitel und begann eine Analyse bei Eugénie Sokolnicka. Nach einem Besuch bei Sigmund Freud in Wien, der sie in ihrem Wunsch, Psychoanalytikerin zu werden, offenbar bestärkte, setzte sie ihre Ausbildung mit einer Kontrollanalyse bei Rudolph Loewenstein fort. Später machte sie eine weitere Analyse bei René Laforgue.
1923 erschienen, von Blanche Reverchon-Jouve ins Französische übersetzt, Sigmund Freuds Abhandlungen zur Sexualtheorie, Trois essais sur la théorie de la sexualité, in Frankreich. 1928 wurde sie Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP). Bei deren Spaltung im Jahr 1953 gehörte Blanche Reverchon-Jouve, obwohl selbst Ärztin, zu den GegnerInnen einer Medizinisierung der psychoanalytischen Ausbildung. Sie trat zusammen mit Daniel Lagache, Jacques Lacan und Françoise Dolto aus der SPP aus und wurde Gründungsmitglied der Société Française de Psychanalyse.
Blanche Reverchon-Jouve führte ihren Mann in die Psychoanalyse ein und lieferte ihm das klinische Material aus ihrer psychoanalytischen Praxis, das er in seinen Romanen über wahnsinnige Frauen verarbeitete. So verwendete er für seinen Roman Vagadu neben den Analysen seiner Frau bei Sokolnicka und Loewenstein auch die Fallgeschichte einer Mademoiselle H., über die Blanche und Pierre Jean Jouve 1933 ihre Studie Moments d'une psychanalyse verfassten.
Blanche Reverchon-Jouve behandelte überwiegend wohlhabende PatientInnen und Künstler, darunter den belgischen Schriftsteller und Psychotherapeuten Henry Bauchau, der sie in seinem ersten Roman La dechirure als "Sybille" porträtierte.

Élisabeth Roudinesco ist vor allem bekannt geworden durch ihre Arbeiten zur Geschichte der Psychoanalyse. Sie wurde in Paris geboren als Tochter der Psychoanalytikerin Jenny Aubry und deren erstem Mann Alexander Roudinesco. Ihr Vater war ein aus Rumänien stammender jüdischer Arzt, der zum Katholizismus übergetreten war.
Nach dem Besuch des Collège Sévigné in Paris und einer Tätigkeit als Lehrerin in Algerien (1966-1967) studierte Élisabeth Roudinesco an der Sorbonne Philosophie und Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt Linguistik. Sie schrieb ihre Magisterarbeit bei Tzvetan Todorov an der Reformuniversität Paris VIII-Vincennes, wo sie 1975 auch promovierte. 1969 begann Élisabeth Roudinesco, die schon als Kind von ihrer Mutter zu Françoise Dolto in die Analyse geschickt worden war und mit neun Jahren Jacques Lacan kennen gelernt hatte, ihre psychoanalytische Ausbildung bei der von Lacan geführten École freudienne de Paris (EFP). Sie absolvierte eine Analyse bei Octave Mannoni und gehörte der EPF von 1969 bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1980 an. In der gleichen Zeit war sie auch Mitglied der KPF.
Sie war Redaktionsmitglied der Zeitschriften Action poétique (1969-1979) und L'homme (1997-2002), und von 1986 bis 1996 arbeitete sie für die Zeitung Libération. Seitdem schreibt sie für Le Monde. 1991 habilitierte sie sich mit ihrer Arbeit Études d'histoire du freudisme (1994 veröffentlicht unter dem Titel Généalogies) und lehrt seitdem Geschichte der Psychoanalyse an der Universität Paris VII. Von 2001 bis 2007 war sie Studienleiterin an der École Pratique des Hautes Études. 1990 wurde sie Vizepräsidentin und 2007 Präsidentin der Société internationale d'histoire de la psychiatrie et de la psychanalyse (SIHPP).
Élisabeth Roudinesco bezieht sich mit ihrem historischen Ansatz auf die Arbeiten von Henri Ellenberger, Georges Canguilhem und Michel Foucault. Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen zählen die Geschichte der Psychoanalyse in Frankreich, die Biographie Jacques Lacans und das Wörterbuch der Psychoanalyse (mit Michel Plon). Roudinesco verteidigt die Bedeutung der Psychoanalyse gegen die Rede von deren "Veralten" und gegen die Hegemonie naturwissenschaftlicher Effizienzkriterien.
Élisabeth Roudinesco hat selbst als Analytikerin praktiziert und ist seit 1986 mit Olivier Bétourné (*1951), dem Leiter der Éditions du Seuil, liiert. (Artikelanfang)

Monique Schneider wurde in Mirecourt in Lothringen geboren. Sie studierte in Nancy und Paris Philosophie und erhielt 1958 an der École Normale Supérieure ihre Lehrbefugnis. Danach unterrichtete sie Philosophie am Lycée Stendhal und an der Universität in Grenoble, bis sie 1970 mit ihrer Forschungstätigkeit am Centre Nationale de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris begann. 1980 promovierte sie bei Paul Ricoeur über die Rolle der Affekte bei Lernprozessen (La réflexion émotionnelle).
Als sie zu Beginn ihrer Tätigkeit als Philosophielehrerin unter Schlaflosigkeit litt und von Teufelsphantasien aus ihrer Kindheit heimgesucht wurde, unternahm Monique Schneider ihre erste Analyse. Sie absolvierte in den 1970er Jahren eine psychoanalytische Ausbildung bei der Société Psychanalytique de Paris. 1980 schloss sie sich dem Collège de Psychanalystes an, einem Zusammenschluss von Lacanianern und Nicht-Lacanianern. Sie wurde Mitglied der lacanianischen Ècole de la Cause Freudienne, lehrte parallel zu ihrer psychoanalytischen Tätigkeit Philosophie an der Universität Paris VII und war bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2000 Forschungsdirektorin am CNRS.
Monique Schneiders Werk ist am Schnittpunkt von Psychoanalyse, Philosophie und Kulturkritik angesiedelt. Neben der Traumaforschung gilt ihr Interesse besonders den Konstruktionen der sexuellen Differenz im sozialen Diskurs und den Ausschlusspraktiken der Psychoanalyse als einer männlich dominierten Wissenschaft. So untersuchte sie in ihrem Buch Généalogie du masculin patriarchale Männlichkeitssymbole und deren Reduzierung auf die phallische Metaphorik des Vertikalen, die das mit Weiblichkeit assoziierte Unkontrollierbare ausschließt. Dadurch entstehe für Männer das Problem, sexuelle Lust in der Vorstellung mit Eroberung zu verbinden, im Erleben jedoch als Kontrollverlust zu erfahren.
In Le paradigme féminin zeigte Monique Schneider, wie in Freuds früheren Texten die weibliche Topographie - die Öffnung zu einem inneren Raum, wo "Fremdkörper" aufgenommen oder ausgeschlossen werden können - als Paradigma für das Psychische und die Verdrängung diente. Dieses "zusätzliche Zimmer" erlaube eine andere Symbolisierung des Weiblichen als dessen phallische Abwertung als Hohlraum. (Artikelanfang)

Die in Warschau geborene Eugénie Sokolnicka war die erste praktizierende Psychoanalytikerin in Frankreich und eine Pionierin der Kinderanalyse. Sie stammte aus einer Familie polnisch-jüdischer Intellektueller, die für die Befreiung Polens kämpften. Ihre Mutter wurde für ihre wichtige Rolle beim Januaraufstand von 1863 sogar mit einem Staatsbegräbnis geehrt. Eugenia Kutners Vater war Prokurist einer großen Bank. Sie war noch keine zwanzig, als sie nach Paris ging, um an der Sorbonne Biologie zu studieren und am Collège de France die Psychologie-Vorlesungen Pierre Janets zu hören. In Paris lernte sie ihren Ehemann, den polnischen Historiker Michal Sokolnicki (1880-1967) kennen, der ein enger Mitarbeiter von Józef Pilsudski war. Sie kehrte mit ihm nach Warschau zurück und heiratete ihn 1903.
1911 begann Eugénie Sokolnicka ihre psychiatrische Fachausbildung am Burghölzli in Zürich, wo sie eine Schülerin von Carl Gustav Jung wurde. Nach dem Bruch zwischen Jung und Sigmund Freud ging sie nach Wien und ließ sich im Jahr 1914 drei Monate lang von Freud analysieren. Sie nahm an den Treffen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teil und wurde 1916 Mitglied. Während dieser Zeit trennte sie sich von ihrem Mann.
Nachdem sie in München, wo Felix Böhm zu ihr in die Analyse ging, Zürich und Warschau praktiziert hatte, absolvierte sie 1920/21 eine weitere Analyse bei Sándor Ferenczi in Budapest. Ferenczis Diagnose zufolge zeigte Eugénie Sokolnicka neben ihrem ausgeprägten Überlegenheitsgefühl paranoide Symptome und depressive Tendenzen und war selbstmordgefährdet. Er hob aber auch ihre Begabung als Analytikerin hervor. Ihre Analyse bei Ferenczi war offenbar erfolgreicher als die bei Freud, der die Sokolnicka nicht besonders mochte.
1921 kehrte sie nach Frankreich zurück, um hier legitimiert durch Freud eine psychoanalytische Bewegung ins Leben zu rufen. Gemeinsam mit Rudolph Loewenstein bildete sie die erste Generation französischer Psychoanalytiker aus, u. a. René Laforgue, Édouard Pichon und Sophie Morgenstern. Sie hielt 1922/23 Vorlesungen an der École des Hautes Études Sociales in Paris und arbeitete am psychiatrischen Sainte-Anne-Krankenhaus unter Georges Heuyer. 1926 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Société Psychanalytique de Paris, deren Vizepräsidentin sie in den ersten beiden Jahren war.
Großen Anklang fand Eugénie Sokolnicka im literarischen Milieu von Paris. Eine Gruppe von Literaten um die Zeitschrift Nouvelle Revue Française, darunter André Gide, traf sich regelmäßig bei der Sokolnicka, um mit ihr über Probleme der Psychoanalyse zu diskutieren. Gide, der 1922 für kurze Zeit bei ihr in Analyse war, porträtierte Sokolnicka als "Doctoresse Sophroniska" in seinem Roman Die Falschmünzer. Er bezog sich darin auf Sokolnickas berühmte Heilung einer infantilen Zwangsneurose (1920), die er jedoch zu einem Fiasko umdichtete.
Eugénie Sokolnickas Patient war ein zehnjähriger Junge, der an einer Berührungsphobie litt und zwanghafte Rituale ausbildet hatte, mit denen er seine Mutter tyrannisierte. Während einer sechswöchigen Analyse deckte Sokolnicka den sexuellen Gehalt seiner Symptome auf, die daraufhin verschwanden. Ihr rascher Heilerfolg ermutigte sie, eine Minimalanalyse zu entwickeln, die mit dem Verschwinden der Symptome beendet ist - im Unterschied zu einer Maximalanalyse, die die Freisetzung der Liebesfähigkeit und die Vermeidung der Wiederholung zum Ziel hat. (Artikelanfang)
Obwohl sie in dem Ruf einer begabten Klinikerin stand, verlor Eugénie Sokolnicka 1923 ihre Stelle am Sainte-Anne, auf Betreiben des neuen Direktors Henri Claude, der keine nicht-ärztlichen AnalytikerInnen akzeptierte. Sie eröffnete eine Privatpraxis, hatte aber mit den Jahren immer weniger Patienten. In der psychoanalytischen Bewegung spielte sie Anfang der 1930er Jahre keine bedeutende Rolle mehr. Unter Depressionen leidend, bedrückt durch Armut, Wurzellosigkeit und die nationalsozialistische Bedrohung, nahm sie sich 1934 das Leben.

© Éditions du Seuil
Die Kinderanalytikerin Anne-Lise Stern wurde in Berlin geboren und wuchs in Mannheim auf. Sie ist die Tochter des deutschen Psychiaters Heinrich Stern, der als Jude und Marxist 1933 nach Hitlers Machtergreifung mit seiner Familie nach Frankreich floh. Anne-Lise Stern begann ein Medizinstudium, wurde aber 1944 in Paris verhaftet und über Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen und Raguhn nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte das Konzentrationslager und kehrte 1945 nach Frankreich zurück.
Nach Kriegsende studierte sie Psychologie und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung, zunächst bei Maurice Bouvet, dann bei Françoise Dolto und schließlich 1956 bei Jacques Lacan. Sie wurde eine Anhängerin Lacans und Mitglied der École Freudienne de Paris. In ihren Augen hat Lacan mit seiner "Rückkehr zu Freud" die Psychoanalyse nach Auschwitz neu begründet.
Anne-Lise Stern widmete sich der Behandlung von hospitalisierten Kindern, zuerst im Bichat-Krankenhaus und dann von 1953 bis 1968 im Pariser Hôpital des Enfants Malades, wo sie mit Jenny Aubry zusammenarbeitete. Inspiriert durch die 68er Studentenbewegung, gründete sie 1969 in Paris das Laboratoire de psychanalyse für mittellose Patienten, das sie mit deutschem Wiedergutmachungsgeld finanzierte. Von 1972 bis 1978 war sie als Psychotherapeutin in der von Claude Olievenstein geleiteten Abteilung für Drogenabhängige am Marmottan-Krankenhaus tätig.
Als Reaktion auf das öffentliche Auftreten von Holocaust-Leugnern in Frankreich begann Anne-Lise Stern 1979 damit, Seminare zu veranstalten, in denen aktuelle Zeitdokumente auf ihre Beziehung zum Holocaust untersucht wurden. Ihr 14tägiges Seminar Camps, histoire, psychanalyse - leur nouage dans l'actualité européenne fand seit 1991 im Maison des Sciences de l'Homme in Paris statt.
1994 erschien Anne-Lise Sterns Buch Le savoir-déporté, das neben Aufsätzen aus den Jahren 1963 bis 2003 auch einen Bericht über ihre Erfahrungen im Konzentrationslager enthält.

Maria Toroks Werk steht in der Tradition des ungarischen Psychoanalytikers Sándor Ferenczi. Sie wurde in Budapest geboren, wo sie in einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus aufwuchs und die nationalsozialistische Okkupation überlebte. 1947 ging sie nach Paris, um dort den Beruf der chemisch-technischen Assistentin zu erlernen und auszuüben. Anfang der 1950er Jahre begann sie ein Psychologiestudium an der Sorbonne, das sie 1955 abschloss. Danach arbeitete sie als Psychotherapeutin mit gestörten Kindern. Ihre psychoanalytische Ausbildung begann sie bei dem aus Ungarn stammenden Béla Grunberger, es folgte eine Analyse bei Margaret Clark-Williams. 1956 wurde sie Mitglied der Société Psychanalytique de Paris (SPP) und war bis 1967 als Kinderanalytikerin in verschiedenen Institutionen tätig.
1950 lernte sie in Paris ihren Lebensgefährten, den Philosophen und Psychoanalytiker Nicolas Abraham (1919-1975), kennen, der ebenfalls ungarisch-jüdischer Herkunft war. Torok und Abraham vertraten den Ansatz einer phänomenologischen Psychoanalyse, worüber sie von 1959 bis 1961 in Paris gemeinsam ein Seminar abhielten. Im Anschluss an Ferenczi entwickelten sie ihre Theorie der "Krypta" und des "Phantoms", um die krankmachende Wirkung von Familiengeheimnissen und Traumatisierungen zu erklären, die unausgesprochen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Das unerträgliche Erlebnis wird durch "konservierende Verdrängung" abgeschottet vom übrigen psychischen Leben in einer "Krypta" begraben, die mitten im Ich wie ein falsches Unbewusstes funktioniert. Über "endokryptische Identifikationen" wird dann das Unbewusste der Kinder von den Phantomen aus der Krypta ihrer Eltern heimgesucht, die wie Fremdkörper in ihrer Psyche wirken und sich der Verarbeitung entziehen.
In ihrem viel beachteten Aufsatz Trauerkrankheit und Phantasma des "Cadavre exquis" beschrieb Maria Torok die "Trauerkrankheit" als Effekt sprachlos gebliebener, traumatisch wirksamer "Inkorporationen", mittels derer das Subjekt ein verlorenes bzw. verbotenes Objekt auf magisch-halluzinatorische Weise in sich aufrichtet und wieder verfügbar macht. Anders als bei der Introjektion, die einen Trauerprozess ermöglicht, blockiert die Inkorporation die libidinöse Besetzung neuer Objekte und damit die psychische Entwicklung.
Beeinflusst vom Dekonstruktivismus, schrieb Maria Torok zahlreiche Artikel für die Jacques Derrida nahestehende Zeitschrift Confrontation. Wie Ferenczi plädierte sie für einen engeren Kontakt mit den Patienten und erregte damit Anstoß bei ihren SPP-Kollegen. Einen wichtigen Beitrag zur Kritik der Freudschen Weiblichkeitstheorie lieferte sie mit ihrem frühen Aufsatz Die Bedeutung des "Penisneides" bei der Frau, in dem sie den Symptomcharakter des Penisneids hervorhebt: Mit dem "falschen" Wunsch nach einem idealisierten Penis wehrt das Mädchen Masturbationsphantasien ab, in denen es sich an die Stelle der Mutter setzt.
Seit 1983 arbeitete Maria Torok mit dem amerikanischen Psychoanalytiker und Literaturwissenschaftler Nicholas Rand zusammen, den sie 1990 heiratete. Sie starb im Alter von 73 Jahren an Leukämie. (Artikelanfang)
Nathalie Zaltzman wurde in Paris geboren als einzige Tochter russisch-jüdischer Emigranten. Ihre Familie überlebte den Zweiten Weltkrieg versteckt in Südfrankreich. Nathalies Vater Abram Zaltzman, ein Rechtsanwalt aus St. Petersburg, besaß eine Papeterie in Paris und eine umfangreiche Privatbibliothek. Während der 1950er Jahre arbeitete Nathalie Zaltzman als Russisch-Übersetzerin bei der UNESCO in Paris, bevor sie Psychologie an der Sorbonne studierte. 1963 heiratete sie den Psychiater und Psychoanalytiker François Perrier (1922-1990). Ihre Ehe wurde 1968, ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes Alexis, wieder geschieden.
Ihre psychoanalytische Ausbildung erhielt Nathalie Zaltzman bei der Société française de psychanalyse, nach deren Auflösung 1964 wechselte sie zu der von Jacques Lacan geführten École freudienne de Paris (EFP). Ihr Lehranalytiker war Serge Leclaire. 1970 verließ sie die EFP, um sich der Quatrième groupe anzuschließen, die ein Jahr zuvor von Piera Aulagnier, François Perrier und Jean-Paul Valabrega ins Leben gerufen worden war. Hier übte sie ab 1972 verschiedene Ämter aus, darunter das der Präsidentin im Jahr 1986. Außerdem war sie von 1974 bis 1998 einflussreiches Redaktionsmitglied der Zeitschrift Topique, wo auch zahlreiche Artikel von ihr veröffentlicht wurden. Später gehörte sie der Redaktion der 2002 gegründeten Zeitschrift Penser/rêver an.
1998 erschien unter dem Titel De la guérison psychanalytique eine Sammlung ihrer Aufsätze aus den vorhergehenden zwei Jahrzehnten. Nathalie Zaltzmans Schwerpunkte waren die Wirkung der psychoanalytischen Kur und das Verhältnis von Individuum und Kultur. Dabei rehabilitierte sie den Freudschen Begriff der "Kulturarbeit" als eine der Säulen der psychoanalytischen Kur. Kulturarbeit bedeutet nach Zaltzman einen intrapsychischen wie überindividuellen Prozess, der die individuelle Entwicklung und die Evolution der Menschheit allgemein verändert.
Ihr Buch La résistance de l'humain zeigt am Beispiel totalitärer Systeme, dass selbst unter unmenschlichen Bedingungen ein unzerstörbarer Rest an Humanität existiert, dessen Garant das psychisch-kollektive Erbe der Kulturarbeit ist. Diese bildet auch in L'esprit du mal den Ausgangspunkt von Nathalie Zaltzmans Analyse des Bösen als unveränderbare Konstante der Condition humaine und des "Verbrechens gegen die Menschlichkeit". (Artikelanfang)