Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Frankreich

Biografien

Die Mitglieder der EFP publizierten ihre Texte in der von 1968 bis 1976 erschienenen Zeitschrift Scilicet, während der APF die seit 1970 von Pontalis herausgegebene Nouvelle Revue de Psychanalyse nahestand (das letzte Heft erschien 1994). Die APF reformierte die Ausbildung, indem sie den Unterschied zwischen persönlicher Analyse und Lehranalyse aufhob. APF und EFP übten über ihre Mitglieder großen Einfluss auf den Universitätsbereich aus, der sich während der 68er Studentenbewegung der Psychoanalyse geöffnet hatte. Lacan leitete ab 1974 das sechs Jahre zuvor von Serge Leclaire gegründete Departement du Champ freudien an der Reform-Universität Vincennes (seit 1980 Universität Paris VIII), dessen Beiträge in der Zeitschrift Ornicar? veröffentlicht wurden. Durch das Interesse der Studentenbewegung an der Lacanschen Psychoanalyse kam es auch zu einer Annäherung zwischen Linken und Freudianern in Frankreich, deren Verhältnis bis dahin eher frostig war.

Quatrième Groupe und ECF

1969 fand eine weitere Spaltung statt, als einige von Lacans SchülerInnen aus Protest gegen die Einführung der sog. "passe" - einem weitgehend enthierarchisierten, aber letztlich von Lacan abhängigen Zugangsmodus zum Titel des Lehranalytikers - die EFP verließen und die Organisation psychanalytique de langue française (OPLF), auch Quatrième Groupe genannt, bildeten. Zu ihnen gehörten François Perrier, Piera Aulagnier, Cornelius Castoriadis, Jean-Paul Valabrega und, ein Jahr später, Nathalie Zaltzman. Diese Gruppe von "Lacanianern ohne Lacan" sieht ihren Schwerpunkt im klinischen Bereich und gibt seit 1969 die Zeitschrift Topique heraus.
Auch nach der Abspaltung der Quatrième Groupe blieb es in der EFP unruhig. Die Unzufriedenheit mit Lacans diktatorischen Prozeduren und seiner theoretischen Intoleranz wuchs in den antiautoritären 1970er Jahren, einige Mitglieder wollten ihn sogar durch die Vollversammlung absetzen lassen. Lacan kam ihnen zuvor, erklärte 1980 die EFP für aufgelöst und rief kurz darauf die Cause freudienne ins Leben, die ein Jahr später mit dem Austritt vieler Mitglieder wieder am Ende war bzw. durch die von Jacques-Alain Miller geführten École de la Cause freudienne (ECF) abgelöst wurde. Nach dem Tod Lacans im Jahr 1981 spaltete sich das Lager seiner AnhängerInnen in immer neue Gruppierungen auf, Ende der 1990er Jahre waren es bis zu 17 Zirkel und Vereinigungen. In der IPA organisiert blieben weiterhin nur die SPP und die APF.

Confrontation, CFRP und SPF

Die SPP erfuhr in den 1970er Jahren ebenfalls eine Öffnung. Aus ihrer Mitte ging die Gruppe Confrontation hervor, 1974 gegründet von René Major. Diese Gruppe wendet sich gegen jeden institutionellen Dogmatismus und ist auch offen für Nicht-Analytiker. Ihre Mitglieder vertreten eine an Jacques Derrida orientierte Psychoanalyse und publizieren seit 1979 ihre Beiträge in der Zeitschrift Cahiers Confrontation. Weder Lacanianern noch Anti-Lacanianern zuordnen lässt sich eine Gruppe von "Neutralen" in der SPP, zu denen z. B. André Green, Joyce McDougall, Nicolas Abraham, Maria Torok und Julia Kristeva zählen.
1994 gründeten Patrick Guyomard - der 1982 mit Octave und Maud Mannoni das Centre de formation et de la recherche psychanalytique (CFRP) ins Leben gerufen hatte -, Monique David-Ménard, Daniel Widlöcher und andere die Société de Psychanalyse Freudienne (SPF). Die SPF strebt eine Reintegration der Freudschen und der Lacanschen Lehre an und will die klinischen Ergebnisse der angelsächsischen Schulen stärker berücksichtigen. Strömungen wie die Ich- und Selbstpsychologie oder die Lehren von Anna Freud und Melanie Klein machten in Frankreich keine Schule, auch wenn kleinianische Ansichten in die Lacansche Lehre und die Objektbeziehungstheorie Bouvets einflossen.
Die Psychoanalyse erfreute sich ab den 1970er Jahren einer weiten Verbreitung in der französischen Öffentlichkeit. AnalytikerInnen wie Lacan, Serge Leclaire und Françoise Dolto hatten ihre festen Sendeplätze im französischen Fernsehen und Radio, so dass psychoanalytische Ideen nicht nur die Intellektuellen, sondern auch das große Publikum der Franzosen erreichten.

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