Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Großbritannien

Biografien

Der schwerkranke Gründer der Psychoanalyse starb ein Jahr später, und seine Tochter Anna Freud betrachtete sich als die Garantin seines Erbes, das es gegen die Kleinianer zu verteidigen galt. Die Gruppe von EmigrantInnen, die sich um Anna Freud sammelten, bestehend aus Dorothy Burlingham, Siegmund Heinz Foulkes (Fuchs), Lantos, Friedländer, Ilse Hellman und dem Ehepaar Hoffer, verstärkte als sog. Wiener Gruppe die Opposition gegen die Kleinschen Auffassungen innerhalb der BPAS.
Die Differenzen zwischen den Ansätzen Anna Freuds und Melanie Kleins betrafen vor allem die Ursprünge des Über-Ichs und seine Beziehung zum Ödipuskomplex, die Rolle des Todestriebs und die Funktion der Symboldeutungen. Anna Freud vertrat eine klassisch freudianische und pädagogisch ausgerichtete Kinderanalyse, mit ihrer Akzentuierung des Ichs und seiner Abwehrmechanismen stand sie der Ich-Psychologie nahe. Melanie Klein und ihre Anhänger richteten ihre Aufmerksamkeit auf die archaische Mutterbeziehung und die Analyse früher Objektbeziehungen. Die Kleinianer warfen Anna Freud und ihren Anhängern vor, die innerpsychische Realität der Phantasmen zugunsten der äußeren Realität zu vernachlässigen.

Drei Gruppierungen in der BPAS

Um die vergiftete Atmosphäre zu versachlichen und einer Spaltung zuvorzukommen, beschloss man während des Zweiten Weltkriegs, die unterschiedlichen theoretischen Standpunkte im Rahmen einer Reihe von wissenschaftlichen Diskussionen zu erörtern, den sog. Controversial Discussions. Die elf Sitzungen fanden 1943 und 1944 unter der Leitung von Edward Glover, Marjorie Brierley und James Strachey statt und führten schließlich 1946 zur offiziellen Etablierung von drei Strömungen innerhalb der BPAS: Kleinianer (A-Group), Annafreudianer (B-Group bzw. Freudian Group) und die - von der A-Gruppe abgespaltenen - Unabhängigen (Middle Group). Jeder Kandidat musste sich für die Dauer seiner Ausbildung für eine der Gruppierungen entscheiden.
In der zahlenmäßig größten Gruppe der Unabhängigen fanden sich so unterschiedliche AnalytikerInnen wieder wie Sharpe, Payne, Brierley, William Gillespie, John Bowlby, Fairbairn, Rickman, Strachey, Michael und Enid Balint, Donald und Clare Winnicott und Masud Khan. Edward Glover, für den nur ein Ausschluss der Kleinianer in Frage kam, verließ 1944 die BPAS. Im gleichen Jahr endete die Präsidentschaft von Ernest Jones, der einige Jahre später mit seiner Biografie über Sigmund Freud die Freud-Historiografie begründete. Als seine Nachfolgerin wurde Sylvia Payne in das Amt der Präsidentin der BPAS gewählt, das von da an nur noch für jeweils drei Jahre besetzt wurde.
Melanie Klein zog sich nach Kriegsende weitgehend aus der BPAS zurück und initiierte 1955 die Gründung des Melanie Klein Trusts zur Förderung und Verbreitung ihrer Lehre. Die bedeutendsten TheoretikerInnen der Klein-Schule nach dem Krieg waren Hanna Segal mit ihren Arbeiten zur psychoanalytischen Ästhetik und der Psychiater Wilfred Bion, der die Kleinsche Konzeption auf die Gruppenarbeit ausdehnte.
Die Ausbildung in der B-Gruppe findet bis heute nicht wie die der Kleinianer und der Unabhängigen am Lehrinstitut der BPAS statt, sondern an dem von Anna Freud 1947 bzw. 1952 gegründeten Hampstead Child Therapy Course and Clinic - seit 1984 Anna Freud Centre -, dessen Leiterin sie bis 1982 war. Neben den Beiträgen Anna Freuds stammten die wichtigsten Anstöße zur theoretischen Weiterentwicklung von Joseph Sandler, der bis 1992 Professor für Psychoanalyse am Freud Memorial Chair des University College war. Aus der Gruppe der Unabhängigen wurden vor allem Winnicott durch seine Konzepte des wahren und des falschen Selbst und der good-enough-mother, Michael Balint mit der Weiterentwicklung der Case-Work-Technik zu den Balint-Gruppen und Ronald D. Laing als Mitbegründer der Antipsychiatrie international bekannt.
Nachdem die BPAS in den 1950er Jahren noch von den Spannungen zwischen den Gruppen geprägt wurde, gab es nach Melanie Kleins Tod im Jahr 1960 größere Anstrengungen für eine bessere Zusammenarbeit, so dass sich in den 1980er Jahren eine Integration der unterschiedlichen Ansätze zunehmend durchsetzte. Seit 1974 gab die BPAS zusätzlich zum IJP die Zeitschrift International Review of Psycho-Analysis heraus, die den Anwendungen der Psychoanalyse gewidmet war und 1992 in der IJP aufging.

© 2007-2017  Brigitte Nölleke      Letzte Änderung: 23.2.2017       Impressum