Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Lateinamerika

Biografien

Argentinien
Brasilien
Chile
Mexiko
Uruguay
Militärdiktatur und Neubeginn

Während der Präsidentschaft von Juan Perón ab 1973 und seiner Nachfolgerin Isabel Perón wandelte sich Argentinien von einem klassischen Militärregime in ein System des Staatsterrorismus. Die von José Lopez de Rega geschaffene Alianza Anticomunista Argentina (Triple A) ging mit ihren Todesschwadronen gegen linke Gewerkschafter und Intellektuelle vor, und unter General Jorge Rafael Videla, der 1976 die Macht übernahm, fielen dreißigtausend Menschen dem Regime zum Opfer. In dieser Zeit emigrierten viele Psychoanalytiker nach Europa, in andere lateinamerikanische Länder oder in die USA.
Erst nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1983 konnte die psychoanalytische Bewegung in Argentinien erneut expandieren. Zu den bisher existierenden psychoanalytischen Vereinigungen kamen hinzu die Sociedad Psicoanalítica de Mendoza, die Asociación Psicoanalítica de Córdoba (APC) und die Asociación de Psicoanálisis de Rosario. Seit 1992 gibt es in Buenos Aires eine an Jacques Lacan orientierte Vereinigung, die Escuela de la Orientación Lacaniana (EOL). Ende 1990 gab es in Argentinien ca. 2.500 PsychoanalytikerInnen aller Richtungen. 1991 fand der IPA-Kongress erstmals in Buenos Aires statt, bei der Gelegenheit wurde Horacio Etchegoyen, Mitglied der APdeBA, zum ersten spanischsprachigen IPA-Präsidenten gewählt.


Während die ABP bis 1981 nur Ärzte aufnahm, standen für LaienanalytikerInnen folgende psychoanalytischen Vereinigungen offen: Seit den 1970er Jahren konnten Dissidenten, welche die Kriterien der IPA ablehnten, ihre psychoanalytische Ausbildung am Instituto Sedes Sapientiae in São Paulo erhalten, einem psychotherapeutischen Zentrum mit katholischem Hintergrund. In Rio de Janeiro gründete eine Gruppe von Psychologen 1971 die Sociedade de Psicología Clinica, deren Präsidentin Maria Regina Domingues de Moraes war. 1988 wurde sie in Sociedade de Psicanálise da Cidade do Rio de Janeiro (SPCRJ) umbenannt. Maria Regina Domingues de Moraes und drei weitere Psychoanalytikerinnen der SPCRJ initiierten die Gründung der Sociedade de Psicanálise da Barra im Jahr 2007.
Die kulturalistische Schule von Karen Horney, Erich Fromm und Harry Stack Sullivan ist durch die Sociedade de Psicanálise Iracy Doyle (SPID) vertreten, welche 1974 aus dem Instituto de Medicina Psicológica (IMP) hervorging, das Iracy Doyle 1953 in Rio de Janeiro gegründet hatte.
Igor Carusos Besuche in Brasilien führten 1956, unter der Leitung seines Schülers Malomar Lund Edelweiss, zur Gründung des tiefenpsychologischen Círculo Brasileiro de Psicologia Profunda, 1971 in Círculo Brasileiro de Psicanálise (CBP) umbenannt. In mehreren Städten entstanden Zweiggesellschaften des CBP, darunter der 1963 von Malomar Lund Edelweiss in Belo Horizonte gegründete Círculo Psicanalítico de Minas Gerais. 1969 initiierte Anna Kattrin Kemper in Rio die Gründung des Circulo Psicanalítico do Rio de Janeiro.
In den 1970er Jahren brach das "Lacanfieber" in Brasilien aus. Der erste lacanianische Arbeitskreis Brasiliens, das Centro de Estudos Freudiano (CEF), wurde 1975 von Durval Checchicano, Mitglied der École Freudienne de Paris, ins Leben gerufen. Der berühmteste brasilianische Lacanianer der 1970er Jahre war Magno Machado Dias, der 1975 zusammen mit Betty Milan das Colegio Freudiano do Rio de Janeiro (CFRJ) gründete. Seit 1995 vertritt die von Lacans Schwiegersohn Jacques-Alain Miller in Rio de Janeiro gegründete Escola Brasileira de Psicanálise (EBP) die Theorie Jacques Lacans in Brasilien.


Entwicklung seit den 1980er Jahren
Zu einem Aufschwung kam es dann wieder in den 1980er Jahren, als noch während der Militärdiktatur Pinochets eine Liberalisierung des Hochschulwesens einsetzte und viele Psychiater und Psychologen eine psychoanalytische Ausbildung anstrebten. Diese Periode ist mit Namen wie Mario Gomberoff, Liliana Pualuán, Elena Castro, Omar Arrué, Ramón Florenzano, Jaime Coloma, Eleonora Casaula, Juan Francisco Jordán und Juan Pablo Jiménez verbunden. Es wurde die Asociación de Psicoterapeutas Analíticos gegründet, aus der später die Sociedad Chilena de Psicoanálisis (außerhalb der IPA) hervorging. Gleichzeitig entstanden die ersten lacanianischen Gruppierungen in Chile. Einen Höhepunkt bildete 1999 der 41. Internationale Psychoanalytische Kongress in Santiago de Chile unter der Präsidentschaft von Otto Kernberg.


Argentinische Einflüsse

1974 emigrierte eine Anzahl argentinischer PsychoanalytikerInnen wegen der politischen Verhältnisse aus Argentinien nach Mexiko, so auch Marie Langer, die 1969 die linksoppositionelle Gruppe Plataforma gegründet hatte und in Mexiko ihren Kampf gegen das psychoanalytische Establishment fortsetzte. Weitere argentinische EmigrantInnen waren Juan Carlos Plá, Ignacio Maldonado, Silvia Bleichmar, Frida Saal, Miguel Matrajk, Armando Bauleo und Néstor Braunstein. Die Argentinier schlossen sich in ihrer Mehrheit der lacanianischen Schule in Mexiko an. Néstor Braunstein gründete 1980 die lacanianische Fundación Mexicana de Psicoanálisis (FMP) und 1982 deren akademisches Organ, das Centro de Investigación y Estudios Psicoanalíticos (CIEP). Eine weitere lacanianische Organisation war die Escuela Lacaniana de Psicoanálisis, die ab 1990 die Zeitschrift Artefacto herausgab. Auf dem Umweg über Argentinien kam auch die kleinianisch-englische Richtung nach Mexiko, wo sie von Celia Díaz de Mathmann und Laura Achard de Demaria vertreten wird.
Die Psychoanalyse in Mexiko hat keine eigene Schule hervorgebracht, sie bildet eine Mischung aus vor allem nordamerikanischen, aber auch französischen, argentinischen und englischen Ansätzen.


Entwicklung seit der Militärdiktatur

Zu einem Einschnitt kam es zwischen 1973 und 1985 während der Zeit der Militärdiktatur in Uruguay. Die APU wurde einer strengen Kontrolle unterworfen und viele AnalytikerInnen gingen in die Emigration. In der Auflösungsphase der Diktatur entstand 1982 die Escuela Freudiana de Montevideo, die den Ansatz Jacques Lacans vertritt und die Zeitschriften Cuadernos de Psicoanálisis Freudiano und erreseí herausgibt. Mit der demokratischen Erneuerung ab 1985 erstarkte die psychoanalytische Bewegung in Uruguay wieder. 2003 wurde das Lehrinstitut der APU für die universitäre Postgraduiertenausbildung anerkannt.


© 2007-2017  Brigitte Nölleke       Letzte Änderung: 14.3.2017       Impressum