Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Österreich

Biografien

1930er Jahre und Emigration

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wurde Wien während der 1930er Jahre wieder das Zentrum der psychoanalytischen Bewegung, da hier die Bedrohung durch den klerikalen Austrofaschismus geringer war. In diesen Jahren erschienen die Schriften, welche der in den USA so erfolgreichen Ich-Psychologie den Weg bereiteten: Anna Freuds Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936) und Heinz Hartmanns Ichpsychologie und Anpassungsproblem (1939). Hartmann, der Begründer der Ich-Psychologie, nahm anders als Sigmund Freud einen autonomen, konfliktfreien Bereich des Ich an und relativierte die zentrale Bedeutung der Triebe.
Die antisemitische Stimmung gegen die Psychoanalyse, von der es hieß, dass sie als "jüdische Wissenschaft" für die nichtjüdische Seele keine Gültigkeit besäße, nahm jedoch zu. Die Psychoanalytiker reagierten entweder mit politischer Abstinenz und Selbstzensur und konzentrierten sich auf die Ausbildung und klinische Arbeit, oder sie verließen das Land. Es gab aber auch WPV-Mitglieder, die einer verbotenen politischen Aktivität nachgingen, wie Annie Angel, Edith Buxbaum und die Ausbildungskandidatinnen Marie Langer, Tea Genner-Erdheim und Muriel Gardiner. Paul Federns Sohn Ernst Federn, der spätere Mitherausgeber der Protokolle der WPV, wurde als Trotzkist und Jude nach Buchenwald verschleppt und verbrachte sieben Jahre im Konzentrationslager.
Mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich kam 1938 auch hier die Zerschlagung der psychoanalytischen Bewegung. Die WPV lehnte eine "Rettung" der österreichischen Psychoanalyse nach deutschem Vorbild ab und empfahl stattdessen ihren Mitgliedern die Emigration. Noch 1938 wurde die Wiener Vereinigung durch den Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich aufgelöst. Dank des Einsatzes von Marie Bonaparte und Ernest Jones auf höchster diplomatischer Ebene wurde es dem schwerkranken Sigmund Freud und seiner Tochter Anna im Juni 1938 gestattet, Wien zu verlassen und über Paris nach London zu emigrieren (Abb.). Mit ihnen gingen beinahe alle Wiener AnalytikerInnen ins Exil. Am 23. September 1939 starb Sigmund Freud, drei Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nur eine kleine Gruppe unter der Führung von Aichhorn blieb in Österreich und setzte während der Kriegsjahre die psychoanalytische Ausbildung notgedrungen im Rahmen der Wiener Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie (Göring-Institut) fort.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Es waren die Mitglieder dieser Gruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 die WPV neu gründeten, insbesondere August Aichhorn, der die Präsidentschaft übernahm, Alfred von Winterstein, Wilhelm Solms-Rödelheim, Tea Genner-Erdheim und Igor Caruso. Die WPV wurde 1949 wieder in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Der erhoffte Rückstrom emigrierter Wiener Analytiker blieb jedoch aus - Ausnahmen waren Otto Fleischmann und Robert Jokl, die jedoch bald in die USA gingen. Fortbestehende Vorurteile sorgten dafür, dass die Psychoanalyse in Österreich bis Ende der 1960er Jahre wenig Anerkennung fand. Die WPV verfügte über kein eigenes Publikationsorgan, und es mangelte ihr an wissenschaftlichem Austausch, finanziellen Mitteln und größeren Publikationen.
Nach Aichhorns Tod übernahm Alfred von Winterstein von 1949 bis 1957 die Leitung der WPV, sein Nachfolger war bis 1972 Solms-Rödelheim. 1961 entstand eine Abteilung für Kinderanalyse in der WPV unter der Leitung von Hedda Eppel. Zur Verbreitung psychoanalytischen Wissens war 1949 die August-Aichhorn-Gesellschaft gegründet worden, die unter der Leitung von Lambert Bolterauer bis 1968 Vorträge für interessierte Laien veranstaltete und Beratungen durchführte. In diesem Jahr wurde die Sigmund Freud Gesellschaft ins Leben gerufen, die die ehemalige Wohnung und Ordination Freuds in ein Museum umwandelte, um sein Werk einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Igor Caruso, wegen seiner Nähe zur NS-Psychiatrie auch umstritten, ergänzte die Psychoanalyse durch eine christlich geprägte personalistisch-philosophische Anthropologie und schuf 1947 den Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie. In den 1960er Jahren orientierte sich der Arbeitskreis wieder stärker an Freud und wurde 1988 in Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse umbenannt.

Entwicklung seit den 1970er Jahren

Wie anderswo auch stieß die Lehre Freuds in den 1970er Jahren auf wachsende Resonanz in der österreichischen Öffentlichkeit. Vor allem das Interesse der Studentenbewegung für die Psychoanalyse trug zu diesem Umschwung bei, aber auch die Berufung des WPV-Mitglieds Hans Strotzka zum Leiter des neugegründeten Instituts für Psychotherapie und Tiefenpsychologie an der medizinischen Fakultät der Wiener Universität. 1973 wurde als Reaktion auf den gestiegenen Bedarf eine Beratungsstelle der WPV für Kinder und Jugendliche eingerichtet. Seit 1981 gab die von Caruso, Rosa Tanco-Duque und anderen gegründete Österreichische Studiengesellschaft für Kinderpsychoanalyse die Studien zur Kinderanalyse heraus, bis diese 2004 ihr Erscheinen einstellten.
Von 1974 bis 1978 leitete Harald Leupold-Löwenthal die WPV, anschließend Solms-Rödelheim und von 1982 an Peter Schuster; Ende 1998 übernahm Krista Placheta die Präsidentschaft. Ein Jahr später wurde auch das Ambulatorium der WPV wiedereröffnet. Zu der Zeit zählte die Wiener Vereinigung 70 Mitglieder und ca. 100 Kandidaten. Seit 1984 erscheint das Bulletin der WPV. Im gleichen Jahr gründeten Studenten von Igor Caruso in Salzburg das Werkblatt - Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, das bis heute eine kritische Einstellung jenseits der institutionalisierten Psychoanalyse vertritt.

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