Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Ungarn

Biografien

Die Balints flohen nach England, Edith Gyömröi nach Ceylon. Géza Róheim, Robert Bak, Franz Alexander (bereits 1930), Fanny Hann-Kende, Sándor Feldmann und Géza Róheim emigrierten in die USA, Klara Lázár-Gerö nach Australien. Leopold Szondi, der Erfinder der Schicksalsanalyse, der einzigen in Ungarn entstandenen nicht-freudianischen psychoanalytischen Schule, überlebte das KZ Bergen-Belsen und ging 1946 in die Schweiz.

Psychoanalyse im Sozialismus

In Budapest geblieben waren Imre Hermann und eine Handvoll AnalytikerInnen, darunter seine Frau Alice Hermann, Endre Petö, Katá Lévy und Lilly Hajdu-Gimes. Als nach Kriegsende die Kommunistische Partei in Ungarn die Macht übernahm, verbesserte sich die Situation für die Psychoanalyse nicht nachhaltig. Es begann zwar vielversprechend: Imre Hermann, der wie viele seiner KollegInnen der Kommunistischen Partei beigetreten war, erhielt einen Lehrstuhl für Psychoanalyse an der Budapester Universität; Lilly Hajdu, Alice Hermann, István Hollós, Vilmos Kapos, Tibor Rajka und Lillian Rotter nahmen einflussreiche Positionen im Erziehungs- und Gesundheitswesen ein. Doch seit Ende der 1940er Jahre wurde Freuds Lehre von den Kommunisten als "Hauspsychologie des Imperialismus" bekämpft. Da half es auch nichts, dass einige ungarische Psychoanalytiker wie Pál Gartner, Lilly Hajdu und István Schönberger eine Annäherung an die von den Kommunisten als "marxistische Psychologie" favorisierte Reflextheorie Iwan Petrowitsch Pawlows versuchten.
Nachdem die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung bereits eine Selbstauflösung erwogen hatte, wurde sie 1949 offiziell für aufgelöst erklärt. Die psychoanalytische Methode selbst wurde jedoch nicht verboten, und so konnten ungarische Psychoanalytikerinnen - es waren in den 1950er Jahre vor allem die Frauen - in ihren Privatpraxen weiterarbeiten und Lehranalysen durchführen.
Nach der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 kam es zu einer Entstalinisierung, die eine gewisse Abschwächung der feindseligen Haltung gegenüber der Psychoanalyse mit sich brachte. Diese wurde jedoch weder gefördert noch erhielt sie Forschungszuwendungen, während die Psychiatrie fest in den Händen ihrer Gegner blieb. Noch Mitte der 1970er Jahre stufte die Ungarische Akademie der Wissenschaften die Psychoanalyse - in Übereinstimmung mit dem sowjetischen Feldzug gegen den Freudismus - als eine besonders gefährliche Disziplin ein. Kritisiert wurde vor allem ihr angeblicher Irrationalismus und ihre demoralisierende Überbetonung der Sexualität. Auch bekannte ungarische TheoretikerInnen wie der Philosoph Georg Lukács und die Soziologin Agnes Heller verurteilten die Freudsche Lehre. Während die gesellschaftstheoretische Seite der Psychoanalyse immer mehr an Bedeutung verlor, konnte die klinische in den 1980er Jahren von einer weiteren ideologischen Auflockerung profitieren.

Institutionalisierung nach 1989

Vonseiten der internationalen psychoanalytischen Bewegung blieb den ungarischen Analytikern die Anerkennung zunächst ebenfalls versagt. Einige von ihnen, darunter Imre Hermann, erhielten 1965 die IPA-Mitgliedschaft und konnten wieder offiziell als Lehranalytiker arbeiten. 1983 wurde die ungarische Gruppe als provisorische Vereinigung von der IPA bestätigt, aber erst 1989, als Ungarn ein demokratisches Land wurde, erreichte die Magyar Pszichoanalitikus Egyesület (MPE) die Anerkennung als Mitglied der Internationalen Vereinigung. In den 1990er Jahren zählte die MPE über vierzig Mitglieder, darunter die Hermann-SchülerInnen Livia Nemes, György Hidas und György Vikar. Bereits 1988 konstituierte sich in Budapest die Sándor Ferenczi Society, die seit 1990 die Zeitschrift Thalassa herausgibt.

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